Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- Heft 6-9 (November 1917)
- Date
- 1917-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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32 Der Jüdische Student Unbegreiflich war mir diese Wirkung. Gewiß, ist es notwendig, gegenüber" unklaren und verschwommenen Vorstellungen 1 von der Erfüllung unseres zionistischen Lebens, mit ernster Sachlichkeit die Schwierigkeiten darzustellen. Gerade wir, die die Uebersiedelung für die Aufgabe jedes Zgonisten Jialten,- können nicht wollen, daß es im K. J. V. auch nur einen Buhdesbruder gibt, dem Lichtheim eine neue Wahrheit gesagt hat. 1 " Die vielumstrittene Debatte des vorigen K. J. V.-Tages entstand aus der Ueberlegung, daß es nur einem Teil der Zionisten gelingen wird, Bürger Palästinas zu werden. Inzwischen ist die Broschüre von Öettinger erschienen, deren Kenntnis von jedem Bundesbruder verlangt werden kann. Lichtheim hat zweifellos eine bessere Kenntnis vorausgesetzt und wollte anders verstanden werden, als er von vielen verstanden worden ist. Er wolfte gewiß keinen Bundesbruder von der Uebersiedelung zurückhalten, sondern nur auf die Wichtigkeit der materiellen Mittel hinweisen. Da er aber wiederholt betonte, daß er alle Gefühlsmomente ausschalte und mit strengster Sachlichkeit sprechen wolle, hätte er die Pflicht gehabt, nicht' inur Allgemeinheiten zu bringen, sondern die Möglichkeiten im einzelnen idarzustellen und die Größe der Mittel genau zu begrenzen. Selbstverständlich werden die meisten ohne Geld nicht hinüberkommen können; Oettinger zeigt aber, daß schon wenige tausend Francs genügen, wenn durch die erstarkende Organisation eine ausreichende Kreditbäsis geschaffen worden ist. Unrichtig ist Lichtheims Urteil über die Siedler des neuen jischub, über unsere Arbeiter und Kleinsiedler, die er durch die Worte ,,Nichteuropäer und Halbproletarier" charakterisiert. Er meint, daß wir für ein ihalbproletarisches Leben nicht geschaffen seien, daß wir niemanden veranlassen dürften, dort unter kulturellen Entbehrungen schwerster Art zu leben. Wir sollten erst hinüber gehen, wenn die politischen, sozialen und kulturellen Voraussetzungen geschaffen worden sind. Wer soll aber diese Voraussetzungen schaffen? Das Schaffen dieser Voraussetzungen ist doch das1 kolonisatorische Problem des Zionismus. Haben erst Ostjuden die Bedingungen geschaffen für ein behagliches, von Entbehrungen freies Leben, dann werden wir gewiß nicht die Herren dieses Lebens sein. Wer die Opfer gebracht hat, der wird auch die Früchte gewinnen. Glücklicherweise täuscht sich, wer an eine grundsätzliche Scheidung zwischen Ost und West glaubt, wer glaubt, daß im Osten das Arbeitermiaterial, die unteren Schichten der zionistischen Gesellschaft, zu finden sind, während der Westen die besitzende Oberklasse mit den verfeinerten Kulturbedürfnissen stellt. Unter den Oestiem finden wir zahlreiche Menschen, die in Palästina nicht weniger entbehren, als (wir entbehren würden. Im Osten ist man aber opferwilliger, als wir es sind; aber auch wir werden die gleichen Opfer bringen müssen, die Opfer, die doch jeder Mensch freudig seiner Liebe bringt. Gibt es auch im Westen Zionismus1, dann muß es auch hier Pioniere geben, die mitwirken an der Schaffung der kulturellen und sozialen Be-