Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5 (September 1917)
- Date
- 1917-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3537599-3537721-3537726--4099-3541842- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
40 Der jüdische. Student formende Kraft des nationalen Willens" Ausdruck, sofern dieser Wille nur „wesenhafter" gemacht, d. h. von jüdischen Denk- und Bewußtseinsformen getragen und in jüdischer Gemeinschaft immer wieder erneuert werde. Es1 ist hier nicht der Ort, zu dieser überaus schwierigen Frage Stellung zu nehmen; ich will nur soviel sagen, daß ich dem Grundgedanken mit allen, von der Komplizierte heit des1 Problems bedingten Vorbehalten deswegen zustimme, weil ich ihn durdi die bisherige Entwicklung bereits für erwiesen erachte. Weiter, daß ich mit Krojanker (S. 520) und wohl auch Smoira (S. 498) für das wesentlichste die Forderung des, mit möglichst viel jüdisc'hen Beziehungen erfüllten, Gemeinschaftslebens halte. In unserem Zusammenhange muß* nur ausgesprochen werden: Dieser individuelle Umformungsglaube hat niemals das messianisdie Zeitalter verkündet und infolgedessen auc'h niemals irgendweiche Forderungen mit feindseliger Ausschließlichkeit und anmaßender Ueberhebung aufgestellt. B1 u m e n f e 1 d hat gewiß nachdrücklich genug betont, daß es sich zunächst nur um Versuche und Anfänge handeln könne. Er hat gesagt, daß er nur Anregungen gebe, und es ist eben] kein Zufall, daß sich diese Anregungen unwillkürlichnur dort zu Forderungen verdienteren, wo die politische Stimmung bewußter hervortrat. Aber auch in diesem Falle lag über seinen Worten eine einschränkende Vorsicht. Auch er weiß nämlich, wie wir alle, daß die besten geistigen Leistungen nicht eben auf der Presse erzielt werden. Wir können jetzt ruhig zugeben, daß der schnelleren und vor allem fruchtbareren Gewinn erzielen wird, dessen Lerneifer nicht durCh einen, außerhalb eines immanenten hebräischen Interesses liegenden Zweck angespornt werden muß; und für die (besondere) Frage der größeren oder geringeren Ersprießlichkeit des Lernens ist es ja gleichgültig, ob dieser Zweck ein politischer oder individueller ist. Dennoch ist in einer Zeit unsicherer Instinkte das Interesse vieler Menschen zunächst eben nicht immanent, sondern bewußt, und von ihnen, die nicht nach dem Muster Krojankers gebaut sind, kann nur verlangt werden, daß sie sich allmähliclh vom Zweck emanzipieren und die zweifellos höhere Stufe des zweckfreien Interesses erklimmen. Es ist das gleiche Problem, das die Blau-Weiß-Bewegung kennt. In Fortführung der vorhin wiedergegebenen Worte sagte Moses Calvary auf dem Blau-Weiß-Tage: „Ein anderes Beispiel . . . Gewiß geben wir zu, daß die Pflege künstlerischen Genusses unsere Sinne verfeinert, unsere Gefühle adelt. Aber welche entsetzlic'he Minderung künstlerischer Hingabe läge darin, wenn wir etwa beim Hören einer Oper, bei Betrachtung eines Kunstwerkes, beim Lesen eines Dichtwerkes uns bewußt w'ären, daß der Genuß eine Verfeinejrung unseres inneren Menschen zur Folge haben muß. Genau so steht es mit dem Genuß der Natur beim Wandern. Ein Führer, der das Wandern nur als ein Mittel zum vertieften Judentum empfände,