Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- Heft 4 (August 1917)
- Date
- 1917-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Kultur ebenso wie die Wagnerische Kunst völlig unbekannt waren. Wie sollte es mir da in den |Sinn kommen, mir jdie judischen: Helden, wie die Helden Wagnerscher Opern vorzustellen! Dagegen trat ich reichlich ausgerüstet mit dem geistigen- Gut, das Sich der eifrigen Lektüre des „Berliner Tageblatt" und ähnlicher jüdischdeutscher Kulturerzeugnisse verdankte, an die Bibel heran, in der ich nicht schmökerte, sondern wirklich las. Was. mir Seite für iSeite entgegenwehte, war der Hauch einer Welt, die mir f ür |ewig verschlossen schien, während sie jeder obskure Slowake in seiner Brust als lebende Wirklichkeit fühlen mußte, die aus der europäischen Seele in unvergänglichen Werken der Kunst immer wieder neugeboren wurde, während" sie uns nur noch in der erstarrten Form theologischer Betrachtung etwas bedeutete. Was ich erlebte, kann ich nicht anders als einen Zusammenbruch meines jüdischeuropäischen Menschentums bezeichnen. Ich begriff die ungeheure Tragik des Weltgeschehens, das uns, die Träger und Erben der Bibel dem Geiste des 'heiligen Buches völlig entfremdet hatte. So mußte der Grieche das Leijd seines in Knechtschaft versunkenen Volkes empfunden haben, als er das1 stolze Bekenntnis des Germanen las, daß ihm die Sonne Homers leuchte. Wie sich jener aus der Welt des Plato und des Perikles ausgestoßen sali, 'die im Westen Europas eine herrliche Auferstehung feierte, so mußte der Jude unseres Zeitalters, sofern er den Mut zur Wahrheit besaß, bekennen, daß die Bibel durch die Vermittlung des Christentums längst ihren rechtmäßigen Besitzer gewechselt hatte. Von Luther über Nietzsche bis in unsere Tage, in verschiedenen Völkern.und Zeiten, gibt es uns ein Urteil übier die Bibel, dieses Buch der unbezwinglichen Lebenskraft. Ich greife nach Romain R o 11 a n d s Roman „Jean Christophe", der gerade vor mir liegt, und finde im zweiten, während des Krieges erschienenen Bande diese Stelle: „Obgleich er (ein Deutscher, dem germanischen Kunstideal abgewandter, in Paris lebender Musiker) die Bibel nicht in religiösem Sinne las, war ihm die sittliche Kraft oder besser gesagt: Lebensenergie dieser hebräischen Eiasl ein Brunnen, in dem er abends seine nackte Seele badete, die der Dunst tfnd der Unrat von Paris beschmutzt hatten. Um den geheiligten Sinn der Bibel kümmerte er sich nicht, aber es war ihm ein geheiligtes Buch duräi den Hauch wilder Natur und ursprünglicher Persönlichkeiten, den er daraus spürte. Er sog in sich die Hymnen der vom Glauben verzehrten Erde, der lebenden Berge, der frohlockenden Himmel und der menschlichen Löwen. Eine der Gestalten des Buches, für die er eine besondere Zärtlichkeit empfand, war der junge David. Er schaute ihn wie einen kleinen poetischen Hirten mit jungfräulichem Herzen;, in dem das Heldentum schlummert, einen Siegfried des Südiris von verfeinerter, schönerer Rasse, harmonischer an Leib und Seele." Später folgt ein Gespräch desi Musikers' mit einem resignierten, ganz im „Geistigen" aufgegangenen, an seiner Rasse verzweifelnden