Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- 16. Kriegsheft (Juni 1917)
- Date
- 1917-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 54)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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524 Der Jüdische Student Dogma schafft sich seine Organisationen. Ihr meint, wir hätten nur erst das Evangelium? O nein, meine Lieben, wir haben auch bereits den ganzen Kirchenapparat mit Papsttum, Katechismus, Ketzergericht und allem sonstigen Zubehör. Was wir zu erstreben und wie wir es zu erstreben haben, ist bis ins kleinste vorgezeichnet. Und es ist voller Gefahr, nicht getreulich des Pfades zu wandeln. Denn schon reisen besonders karrierefähige Jünger durch das Kartell und messen minutiös als Seelengeometer unseren zionistischen Innenbezirk aus. Und wehe, wenn die Messung nicht nach Vorschrift ausfällt. Es gibt für solche Fälle eine schwarze Liste, auf Grund deren einem dann gelegentlich amllicherseits bestätigt wird, daß man den Ehrennamen eines Zionijsten höchstens noch auf Grund eigener Anschauung in Anspruch zu nehmen habe. Denn der einzig wahre Zionismus, wie der Katechismus ihn lehrt, den haben sie in Erbpacht; und wer diesen Katechismus nicht anerkennt, kann auch der Seligkeit niemals teilhaftig werden. Alles in allem: weil man die jüdische Arbeit nicht aus freiem Interesse und unbekümmert zunächst um ihre weitliegenden Wirkungen ergreift, sondern um des Heils willen, das jeder erstreben muß, ist ein Geist der Unduldsamkeit und der Ausschließlichkeit d. h. der Unbundesbrüderlichkeit bei uns am Werke, daß man meint, in dieser beklemmenden Atmosphäre ersticken zu müssen. Und leitendes Motto dieses Geistes ist das Wort: Wo der Zionismus anfängt, hört die Bundesbrüderlichkeit auf. Ja, aber was nennt Ihr Zionismus? Dieser (ursprünglich von Ludwig Pinner) für die Mischehenfrage zu Recht geprägte Satz wird, angemein angewandt, zur Rechtfertigung jeglicher Feindseligkeit, sofern man nur die gegnerische Anschauung bequem als unzionistisch bezeichnet. Und Hand in Hand mit dieser Ausschließlichkeit, aus gleicher Ursache geboren, geht die anmaßendste Überhebung. Dieser Generation, müßt Ihr wissen, ist die Wahrheit als Offenbarung gekommen; diese Generation erst ist sich des Ernstes bewußt und weiß zu arbeiten, wo die früheren spielten. Das ist Tatsache. Denn erstens meinen sie das selbst, und zweitens wird es ihnen täglich von der Behörde bestätigt. Sie wissen eben nicht, daß sie sehr zufällig in dies Stadium des Zionismus geraten sind, in dem sehr natürlich gerade diese Fragen und diese Aufgaben an sie herantreten. Sie haben eben keine Ahnung davon, daß für die früheren schon Revolutionierung bedeutete, was dank der Entwicklung bei ihnen fast Selbstverständlichkeit war: nämlich überhaupt das Bekenntnis zum Nationalismus; nämlich die umwälzende Aufnahme von heute längst breitgetretenen Ideen: nämlich der Eintritt in dies heute so hübsch bürgerliche und Modesache gewordene Kartell. Und vielleicht war das eine erschütterndere und mehr Ernst erfor-