Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- 16. Kriegsheft (Juni 1917)
- Date
- 1917-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 52)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3537599-3537721-3537724--3983-3541724- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Homer 1× ep/1025156
OCR text
522 Der Jüdische Student ihrer Arbeit zu beeinträchtigen. Dies wäre bedauerlich, würde aber mehr als hinlänglich ausgeglichen werden, wenn ebendieselben dem folgenden Teil meiner Ausführungen die gleiche liebenswürdige Beachtung zu teil werden ließen. Ich meine nämlich, daß es für den Geist unserer Gemeinschaft von entscheidender Bedeutung ist, aus welchem Antrieb und zu welchem Ende einer an diese Arbeit herangeht. Wer — wie mir vorschwebt — von einem zweckfreien Interesse geleitet wird und die Verwertung der erworbenen Kenntnisse vorwiegend für das praktische Leben in Aussicht nimmt, der wird allerdings als Zionist von jedem Zionisten, zumal jedem zionistischen Akademiker, das gleiche Interesse - . . weniger verlangen wir als selbztverständlich voraussetzen. Er wird sich •dabei aber bewußt bleiben, daß es durchaus nicht jedermanns Sache ist, sich mit Intensität in Studium und Lektüre zu verliefen. Er wird sich nämlich aus seiner Schulzeit her erinnern, wie ihm selbst etwa aus dem Homer die Welt der Griechen erstand und ihre Gestalten seine Phantasie bewegten, während andere, obschon Prachtkerle an sich, an dieser Lektüre vorwiegend die Verdrießlichkeit des Vokabelnachschlagens empfanden. Er wird sich vielleicht der Freude erinnern, mit der er selbst etwa auf Wortstämme zurückging, Vergleiche anstellte und die erste dämmernde Ahnung vom Geiste der Sprachen empfing, während all dies für andere, die er darum nicht minder hochschätzte, nur eine unnütze und anstrengende Spielerei blieb. Weil er also weiß, daß die besondere Veranlagung zum Erlernen einer fremden Sprache wie zum intensiven Erfassen rein geistiger Dinge ungleich unter die Menschen verteilt ist, wird er seiner eigenen Arbeit kein besonderes Verdienst zumessen und .ziemlich milde über die denken, die weniger intensiv verfahren, weil er sieht, wie sie ihrer auf ganz andere Dinge gestellten Natur diese Art Arbeit als ein Opfer abringen müssen. Und er wird um so eher diese Toleranz sich gestatten. können, als er überzeugt ist, daß man die für ein jüdisches Leben notwendigen Kenntnisse auch durch Umgang mit kenntnisreichen Menschen, durch -Verkehr in wirklich jüdischen Häusern, kurz durch das Leben selbst wenigstens teilweise sich erwerben kann. Sofern sie nur ein Intensivum an Betätigung auf anderen .zionistischen Gebieten nicht vermissen lassen, wird er ihnen .also auch ihre fragwürdige Belesenheit in der jüdischen Literar tur oder ihre Hilflosigkeit der hebräischen Grammatik gegenüber nicht als Schimpf anhängen. Ganz anders diejenigen, die weniger ein ursprüngliche und selbstverständliches Interesse als der vorgesetzte Zweck leitet; und die weniger dem Leben selbst überlassen wollen, wie es mit uns eine nicht vorher zu bestimmende Wandelung ■vornimmt, als vielmehr durch Studium in relativ kurzer Zeit