Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- 16. Kriegsheft (Juni 1917)
- Date
- 1917-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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520 Der Jüdische Student machen läßt. Hier ist wieder genau der gleiche Einwand zu erheben. Künstlerisch an eine Lektüre zu gehen und aus ihr «in bestimmendes Erlebnis zu holen — wie viele können das? Am ehesten noch unter den Durchschnittsmenschen die Kinder. Ihnen bleiben unvergänglich und bsstimmend die Bilder nnd Gestalten, aus denen ihre Phantasie die erste Nahrung zog. Den Kindern gleichen die Künstler. Den übrigen aber ist es mehr oder weniger versagt, wie ein Kmd nachzuholen, was sie a I s •ein Kind versäumten. Und wenn sie es dennoch tun wollen, entsteht daraus eine peinliche Unwahrhaftigkeit. Man weiß z. B. wirklich nicht, was man sagen soll, wenn noch ein Mann wie Pelz (in einem Feldpostbrief) strahlend erzählt, wie poschut er die Bibel liest. Aber poschut ist man oder man ist es nicht. Und mir scheint, man ist es schon in dem Moment alicht mehr, wo man stolz auszurufen vermag: seht blos alle her, wie poschut ich bin. Es liegt hierin etwas von jener posierten Schlichtheit, gegen die ich mich an dieser Stelle nicht zum ersten Male wende. Kurz: Es bedeutet eine Gefahr, etwas als Arbeitsmethode für alle vorzuschreiben, wss höchstens aus •der Anlage einzelner sich von selbst ergeben kann, weil das — von autoritätsgläubigen und unkritischen Menschen übernommen— zur Unwahrhaftigkeit führen muß. Ich fasse zusammen: Mich führt zur Beschäftigung mit den jüdischen Dingen das natürliche und zweckfreie Interesse, das ich als Zionist an ihnen nehme. Und wenn ich denn überhaupt die Zweckfrage mir stellen und beantworten soll, habe ich zunächst negativ zu sagen, daß ich mir davon keine besondere .Revolutionierung, Umkrempelung und Intensivierung meines jüdischen Menschen verspreche. Ich glaube nicht, daß etwat die Theologen oder ehemaligen Theologen unseres Kreises die Dinge wirklich von einem irgendwie jüdischeren Gesichtswinkel ajs zu sehen vermögen als ich. Sie verfügen über eine Reihe von Kenntnissen, die eine Reihe von Kenntnissen bleibt und nur von einigen wenigen schöpferischen Geistern zu einem bestimmenden «Bilde umgestaltet werden kann, das aber dann auch noch imm^r Privatsache und ohne Allgemeinverbindlichkeit bleibt Und daran wird auch nichts durch die Vorschrift geändert, an die Dinge nicht wie der Student und Berufsmensch, sondern wie das Kind und der Künstler zu gehen. Denn das ist keine Methode, sondern nur die Möglichkeit eben derselben, die den Gewalt ihrer Lektüre zu ziehen und zu gestalten vermögen. Allen anderen aber kann die als Ziel gesetzte Verankerung nur aus dem Leben selbst erwachsen und garnicht vom Schreibtisch her aus vergilbten Blättern. Und damit bin ich bei dem, was ich positiv über die Bedeutung unseres Lernens und Wissens zu sagen habe. Ein jüdisches Leben führen, jüdische Gemeinschaft leben — dies also