Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- 16. Kriegsheft (Juni 1917)
- Date
- 1917-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 49)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Der Jüdische Student 519 erinnere sich der Beispiele aus der Bibel, an Hand deren Buber im „Juden" das Wesen des jüdischen Helden darstellt. Mir wenigstens wäre, auch wenn ich die Bibel auswendig wüßte*, eine derartige Vorstellung nicht erwachsen. Und ich gehe noch weiter: ich fühle mich auch garnicht verpflichtet, eine solche Betrachtungsweise — und mag sie mir zehnmal verkündet werden — als für mich verbindlich zu nehmen. Denn es handelt sich hier um das Ergebnis einer künstlerischen: Schau, an die nicht die Frage nach Richtigkeit oder Unrichtigkeit gestellt werden kann. Ein überlegener Geist formt sich: aus dem vorliegenden Material sein Weltbild — und ich werde mich davor in Dankbarkeit und Bewunderung neigen. Aber ich werde mich aufs lebhafteste zur Wehr setzen, sobald er dies. Bild zum allgemein-gültigen, zum Programm auch für andere zu. erheben sucht. Denn was er uns gibt, ist ein höchst persönliches Bild, das Zeugnis ablegt . . . garnicht von seiner Lektüre, sondern von ihm selber. Ein anders gearteter Geist wird aus demselben Material zu ganz anders gearteten Ergebnissenkommen. Es gibt überhaupt nichts, was schwieriger und mehr Sache einer ganz spezifischen und dabei recht hochstehenden Veranlagung wäre als das Unternehmen, sich aus Lektüre, d. h. aus. reinen Bildungserlebnissen seine Welt zu formen. Dies an eine Mehrheit als Forderung zu stellen, ist glatt ein Unding., Unser aller Gesichtswinkel wird vielmehr bestimmt durch das. Leben um uns herum. Die tausend Alltäglichkeiten des Daseins*, die großen Vorgänge der Zeit, Beruf und Verkehr; kurz: was. uns lebendig Stunde für Stunde durchströmt — dies und nur dies kann für die Mehrheit den maßgebenden Gesichtswinkel bilden, die Dinge zu sehen. Und wer an unserer Sehweise heute auszusetzen hat, daß sie nicht jüdisch, sondern europäisch sei, der darf eine Aenderung hierin nur vom Leben in einer natürlichen jüdischen Gemeinschaft, aber ganz und gar nicht, noch vom fleißigsten Studium erwarten. Aus demselben Irrtum, den Blumenfeld begeht, indem er Notwendigkeiten und Möglichkeiten seiner eigenen Natur anderen als Forderung vorschreibt, macht er neben Gegenstand und Ziel: auch die Methode unserer Arbeit zum Programm. „Die Bibek lesen, wie ein Deutscher den Faust liest" Ich wünschte, er hätte diesen wichtigen Punkt (zumal in einem Exzerpt) weniger poetisch und dafür etwas klarer ausgedrückt. Er meint damit aber offenbar auch hier, daß es nicht darauf ankomme, Bibelkenntnis zu erwerben, sondern aus dieser Lektüre, indem wir „künstlerisch und jüdisch einführen", ein die Persönlichkeit bestimmendes Erlebnis zu gewinnen. Aber genau so wenig, wie sein Ziel eines war, das sich jeder beliebig setzen kann, ist dies eihe; Arbeitsmethode, die sich für andere zur Vorschrift.