Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- 16. Kriegsheft (Juni 1917)
- Date
- 1917-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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518 Der Jüdische Student «mich mit Werken etwa der deutschen Kultur noch niemals befaßt habe, um dadurch deutscher oder sonst irgend etwas zu werden. Sondern was ich bisher auch ergriff, ergriff ich aus «einem absolut zweckfreien Interesse an den Dingen, aus der immanenten Notwendigkeit meines Geistes zur Betätigung. Und ♦ebenso befaßte ich mich mit jüdischen Dingen zunächst durchaus nicht, um dadurch irgend was zu werden, sondern nur, weil ich ihnen in meiner Eigenschaft als Jude und Zionist Interesse entgegenbringe. Da es bei uns üblich ist, mit sehr tönenden Worten zu operieren, möchte ich mich gegen etwaige Tiraden über das kühle Wort „Interesse" von vornherein ververwahren, indem ich ein Wort Thomas Manns hierhersetze : .„Der intellektuelle Name für „Liebe" lautet „Interesse", und der ist kein Psycholog, der nicht weiß, daß Interesse einen nichts weniger als matten Affekt bedeutet; . ." In solchem Interesse also liegt mein Ansporn; nicht aber in einer von vornherein gegebenen Zwecksetzung. Jede Zwecksetzung zum Antrieb für eine ersprießliche Beschäftigung mit geistigen Dingen erscheint mir überhaupt von vornherein als ein verfehltes Unternehmen. Es ist noch kein Mensch ein guter oder gar ein großer Mediziner etwa dadurch geworden, daß er der leidenden Menschheit helfen wollte. Die war ihm wahrscheinlich zunächst ganz schnuppe; aber treibend war die immanente Forscherneugier, verbunden mit den entsprechenden Fähigkeiten. Für alle anderen aber, die nicht ein selbstverständliches und brennendes Interesse, sondern ein zunächst außerhalb der Dinge liegender Zweck leitet, wird daraus flicht mehr erwachsen als eine Summe von (gewiß notwendigen und förderlichen) Kenntnissen. Interessiertheit also, an Stelle der Zwecksetzung ist die erste unumgängliche Voraussetzung für ersprießliche Arbeit. Trotzdem ist auch damit noch keineswegs verbürgt, daß aneine von Interesse geleitete Arbeit das (von anderen proklamierte) Resultat der Intensivierung meines jüdischen Menschen durch Umgestaltung meines Weltbildes haben wird. Denn das ist nicht Sache des Willens, sondern der Fähigkeiten. Das ist überhaupt kein Ziel, das man sich stecken oder nicht stecken kann, sondern ein Ergebnis, das vielleicht einigen überlegenen -Geistern erwachsen wird. Als Goethe den Orient erfaßte, wurde daraus der westöstliche Divan. Als irgend eki Professor Schulze desgleichen tat, wurde daraus ein Lehrbuch. Man braucht ja zum Beweis auch nur irgendeins der Blumenfeldschen Beispiele herauszugreifen; etwa das von dem auf Liebe gegründeten jüdischen und dem auf Macht gegründeten europäischen Nationalismus- Aber wie viele hätten — selbst ausgerüstet. mit allen Kenntnissen eines Religionslehrers — einen solchen Gedanken aus ihrem Stoff gewinnen und formulieren können? Oder man