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Der jüdische Student · 1917-06-01 · 16. Kriegsheft (Juni 1917) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
14 (1917-1918)
Issue
16. Kriegsheft (Juni 1917)
Date
1917-06-01
Page
[Seite] (sequence 45)
Language
German
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Der Jüdische Student 515 Der Geist des Kartells*) Von Gustav Krojanker (V* J. St. Hasmonaea u. Jordania a. H.), z. Z. Schwedt a. O. Es wird wohl besser sein, wenn man seine Empfindungen -ehrlich äußert, als wenn man verärgert beiseite steht. Besser (wenn es unumgänglich scheint), den Kampf aufzunehmen als achselzuckend seiner Wege zu gehn. Ich fühle mich den Kämpfern von der Gegenseite näher als den grollend Abseitigen oder gar den Lauen und Laxen der eigenen Partei, deren bischen Gesinnung mir ganz schnuppe bleibt, so lange sie sich nicht in drangvollste Aktivität umsetzt. Ich bekenne hier also, was andre nur unter sich murmeln, nämlich: daß der zur Zeit im Kartell herrschende Geist von einer so feindseligen Ausschließlichkeit und einer so lastenden Dumpfheit ist, daß einem das Leben in dieser Gemeinschaft, die einem früher die liebste war, fast zuwider wird. Die Offenheit dieses Bekenntnisses ist zugleich Beweis für die Überzeugung, daß hier Abhilfe geschaffen werden kann. Denn nicht, um eine Gruppe der Mißvergnügten zu etablieren, ergreife ich hier das Wort, sondern um durch Aussprache (bei aller Schonungslosigkeit der Darlegung) zu einer Verständigung und damit zu jener— verzeiht das Wort—Bundesbrüderlichkeit zu führen, ohne die mir eine Gemeinschaft wie das Kartell — und errichtete es selbst den Judenstaat — gestohlen werden kann. *) Der letzte j. St. war wie eine Befreiung, Nur auf die offiziellen Verlautbarungen angewiesen, wähnte man sich fast als Außenseiter; und nun dringen plötzlich bekräftigende Stimmen zu einem aus der Wüste, von liier unb dort. Der folgende Aufsatz war leider schon vorher fertig gestellt. Leider: denn man schreibt, wenn man sich vereinzelt wähnt, anders als im Bewußtsein, bei vielen Zustimmung zu finden. Und manche Einzelheit hätte ■wegbleiben oder gekürzt werden können, weil sie nun schon gesagt i>t. Trotzdem soll nichts geändert werden, Umarbeitungen verderben die Frische des ersten Wurfs. Außerdem scheint mir das Wesentliche zur Charakterisierung der herrschenden Geistesrichtung noch nicht ausgesprochen. Denn so dankbar ich Witkowsky für seinen feinen und gescheiten Ausführuugen bin, seiner Charakterisierung der gegnerischen Richtung als einer romantischen im Gegensatz zu einer mehr realpoliüsch orientierten kann ich mich nicht .anschließen. Mir scheint der Vergleich mit den Romantikern nur so weit richtig, wie er die Bemühungen um Erfassung und Erneuerung einer versunkenen Welt in Betracht zieht. Aber im übrigen: sind wir denn nicht alle Romantiker, die sich aus dem Widerstreit zwischen beengter Wirklichkeit und schweifendem Gefühl eine Welt errichten, die nicht ist? Ließe ^sich für die Romantik seiner eigenen Ideologie nicht mit genau demselben JRecht der Beweis führen? Wahrhaftig, nicht hier liegt das Entscheidende. Ach, daß es Romantiker wären . . .! Aber seliger Gefühlsüberschwang •und schwärmerische Überspanntheit dürften kaum mit so verblüffender Geschwindigkeit sich haben in ein System bringen, zu Forderungen an andere umbauen, sich haben mechanisieren und organisieren lassen. Es wäre ein kodifizierter Gefühlsüberschwang in Paragraphenform. Deshalb glaube ich, daß,, meine Charakterisierung, wofern sie nicht dem Kern näher kommt, zu mindest als Ergänzung von Wert ist. Und darum dürften meine Zeilen auch Jheute noch nicht überholt sein.

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