Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- 16. Kriegsheft (Juni 1917)
- Date
- 1917-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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514 Der Jüdische Student Dies nämlich ist der Umstand, durch den das Kartell ir? seiner Gesamtheit an der Verewigung und Verschärfung persönlicher Gegensätze schuld trägt, und hier vor allem muß ein Umschwung sich vollziehen. Die Frage z. B., in welchem Umfange und in welcher Weise wir jüdische Gegenwartsarbeit leisten' sollen, bleibt die gleiche, wenn Zwirn und wenn Hirsch und wenn Blumenfeld sie stellen und beantworten. Wer die gleiche Antwort als richtig anerkennt, wenn Zwirn sie gibt,, sie für ernstlich erwägenswert hält, wenn sie von Hirsch erteilt wird, und, wenn sie aus Blumenfelds Mund kommt, ein Spiel* mit Worten in ihr sieht, der versteht nicht, sachliche Kämpfe sachlich zu fördern. Das Gleiche gilt von denen, die Bestrebungen zur selbständigen Organisierung der Altherrenschaft für einen Versuch zur Sprengung des Kartells halten, wenn sie von Zwirn ausgehen. Die völlige Gesundung unseres inneren Lebens — das, wie bereits angedeutet, keineswegs so krank ist, wie Sensationssucht behaupten möchte—, ist meiner Ansicht nach nur davon zu erhoffen, daß wir Meinungen unabhängige von der Person derjenigen, die sie äußern, zu beurteilen lernen. Das klingt außerordentlich banal und einfach, aber in Wahrheit bereitet es uns die größten Schwierigkeiten. In dem Bestreben, die „Richtung" durchzusetzen, an die er glaubt, möchte keiner von uns auf die Waffen verzichten, die die Person des Andersmeinenden liefert. Darüber müssen wir hinweg zu kommen^ suchen. Wir müssen Personen und Programme von einander zu scheiden lernen. Wenn wir einen Bundesbruder dadurch „erledigen", daß wirihn als Anhänger einer bestimmten Richtung bezeichnen, — aber auch wenn wir, um eine Richtung zu. bekämpfen, irgend einen Bundesbruder dieser Richtung zurechnen und irgendwelche Aeußerungen von ihm als progammatische Kundgebungen der Richtung behandeln, so sind das Schulbeispiele dafür, wie wir nicht mit einander reden, und kämpfen sollen. Nur wenn wir lernen, die Probleme des. Zionismus loszulösen von der Person der Bundesbrüder, die sie. diskutieren, wird im persönlichen Verkehr die Bundesbrüderlichkeit sich voll entfalten. Und sie wird dann wieder in unsere Meinungskämpfe jene persönliche Wärme bringen, die: unsachlichen Erörterungen immer fehlen wird.