Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- 16. Kriegsheft (Juni 1917)
- Date
- 1917-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jüdische Student 513 in Erörterungen über unsere Oesinnung zu Tage treten, auch im persönlichen Verkehr zur Geltung kommen lassen; das wirkt dann wieder auf die Oesinnungskämpfe zurück und färbt sie unsachlich. Es ist das eine unerfreuliche Ueberspannung und Verzerrung der an sich so berechtigten Forderung, weil es nicht unser Ziel sein kann, unser Leben mit der Oesinnungs n u a n c e in Einklang zu bringen, für die wir uns entschieden haben. Im Gegenteil, die Einheit von Gesinnung und Leben, die wir erstreben, erfordert gerade, daß wir uns mit allen, die unsere Gesinnung teilen, auch persönlich verbunden fühlen, in erster Reihe also mit unseren Bundesbrüdern, unabhängig davon, ob sie dieser oder jener „Richtung" innerhalb des Zionismus angehören. Dies ist die natürliche Grundlage der Bundesbrüderlichkeit. II Die Trübung persönlicher Beziehungen durch sachliche Meinungsverschiedenheiten, die wir für die Zukunft mit alier Kraft von vornherein zu verhindern suchen müssen, ist bekanntermaßen in gewissem Umfange eingetreten. Was können wir tun, um die Atmosphäre wieder zu reinigen? Zunächst einmal müssen die Chronisten und Kritiker der Tendenzkämpfe sich hüten, die Größe der bestehenden Differenzen zu übertreiben und aus der Verschiedenheit der Auffassungen eine Kluft der Anschauungen zu machen. Es ist vielleicht ein gewisses Sensationsbedürfnis schuld, wenn jede Spannung als Feindschaft, jede Austragung von Meinungsverschiedenheiten als Stunk bezeichnet wird. Das geschieht nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für die Vergangenheit. In mehreren Rundschreiben, die Eindrücke vom K. J. V.-Tage wiedergaben, wurde ausgesprochen oder angedeutet, es sei auf dem K. J. V.-Tage „so schlimm hergegangen wie auf den Karttlltagen des B. J. C". Das klingt so, als ob die Kartelltage des B.J.C. im wesentlichen aus Radauscenen bestanden hätten. In Wahrheit haben die Tendenzkämpfe, die den Hauptinhalt der meisten Kartelltage des B. J. C. bildeten, uns unendlich viel gegeben, und die persönlichen Differenzen, die auf den Kartelltägen hervortraten, sind von uns als nebensächliches Beiwerk •empfunden worden. Und wenn der Kriegs- K. J. V. - Tag uns deprimiert hat, so ist daran—ich glaube, das gilt auch für die Jüngeren—nicht die Tatsache schuld, daß eine persönliche Gegnerschaft zwischen einzelnen Bundesbrüdern zu Tage trat. Unsere Unzufriedenheit verdiente und erregte der K. J. V.¬ Tag vielmehr dadurch, daß bei der großen Mehrzah' seiner Teilnehmer offenbar eine sachliche Stellungnahme zu den auf der Tagung erörterten Problemen gar nicht zustande kam, weil sie weniger auf das achteten, was gesagt wurde, als auf die, die es sagten.