Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- 16. Kriegsheft (Juni 1917)
- Date
- 1917-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jüdische Student 511 seine Lebensführung reduzieren müssen. Die Furchtbarkeit dieses Krieges hat uns gezeigt,» wie vielen Dingen wir eine Bedeutung beimaßen, die sie nicht verdienten. Bei der Vereinfachung unseres Lebens ist die Mitwirkung der Frau von größter Wichtigkeit, ihre Einsicht für diese Opferung notwendige Bedingung. Eine , andere Form der Opferung, die schmerzt und doch beglückt, ist jüngst angeregt worden. Ich meine den Vorschlag der einjährigen Dienstpflicht für die Bewegung. Ueber ihre Bedeutung in unserem Kreise zu reden, erübrigt sich. Jeder K. J. V.-er sollte sich dazu verpflichtet fühlen. Das sind alles noch verhältnismäßig kleine Opfer, wenn wir sie mit denen der kriegführenden Völker, besonders der Deutschen, vergleichen. Wir sollten die Selbstverständlichkeit, mit der es geschieht, bewundern und erwerben. Liebe Bundesbrüder! Was ich hier aus meiner Kriegs- •einsamkeit Euch schreibe, sind Euch ja geläufige Vorstellungskomplexe. Wenn ich trotzdem das Bedürfnis fühlte, es zusammenzufassen, so bestimmte mich dazu Mehreres. Einmal das schon zu Beginn hervorgehobene Moment, daß auch die scheinbar inaktiven Alten Herren nicht so inaktiv, wie sie scheinen, zu sein brauchen. Sodann wollte ich jene beiden Faktoren herzorheben, in denen die Alten Herren zum mindesten .zu wirken hätten : in der Erziehung ihrer Kinder und in der Opferung. Faßt meine Äußerungen nicht etwa als pharisäisch auf, sie sind vielmehr nur der Ausdruck eines tiefen Schuldgefühles! Ich habe das Verlangen, zu bekennen, daß ich noch nicht genug geopfert habe, um auch Euch an die großen, schmerzenden Opfer, die wir jetzt nun endlich werden bringen müssen, zu gemahnen. Und endlich bestimmte mich ein Drittes zu meinen langen Erörterungen. Ich sprach anfangs von der ersten Phase unserer Volkserneuerung, dem Zustande des inhaltlosen Willens, wenn •ich so sagen darf, der pathetischen Geste; in jener Zeit arbeiteten wir, oder bildeten es uns wenigstens ein, mit großen Methoden. Das war ein Selbstbetrug, der freilich notwendig war. Man würde nun zu falschen Schlußfolgerungen kommen, wenn man glaubte, daß die überwundenen Formen unseres jüdischen Werdens unwirksam oder gar überflüssig wären. Wohl aber haben sie jetzt erst ihren lebendigen Inhalt bekommen. Der Wille hat reale Formen angenommen und beschränkt sich auf die Erreichung des Möglichen. Nun gibt es einige, nicht viele glaube ich, die in der ersten Phase erstarrt sind. Sie ist bei ihnen, um mich eines meiner Fachausdrücke zu bedienen, zu einem überwertigen Komplexe geworden, der sie hindert, neue Erlebnisse neu zu werten und <zu formen. Sie sehen nicht, daß eine neue Jugend sich ent-