Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1917-06-01 · 16. Kriegsheft (Juni 1917) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
14 (1917-1918)
Issue
16. Kriegsheft (Juni 1917)
Date
1917-06-01
Page
[Seite] (sequence 40)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3537599-3537721-3537724--3971-3541712
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

510 Der Jüdische Student D3uß, fühlen wir Neujuden, die wir den schweren Weg durch die Wüste noch einmal gehen wollen. Aber dieses Kraftgefühl muß noch mehr sichtbar werden. Es muß so groß sein, daß wir alles Gewaltige und Schöne zunächst nur jüdisch denken können. Dieses Gefühl muß vor allem unseren Kindern im frühesten Lebensalter eingepflanzt werden. Es muß eine Selbstverständlichkeit für sie sein, daß zunächst einmal alles Gute und Schöne jüdisch ist. Ich möchte hier ein kleines Erlebnis mit meinem damals fünfjährigen Jungen einschalten. Er stellte bei irgend einer Gelegenheit fest, daß Hindenburg kein Jude ist. Er tat das mit einem Ausruf des tiefsten Staunens und der Enttäuschung: ,.ach der ist kein Jude?1' Die jüdische Erneuerung der Westjuden war, psychologisch betrachtet, zunächst eine Funktion des Willens. Aber dieser Wille hatte nur einen rhetorischen Charakter, war eine pathetische Geste, eine begeisterte Agitation. Es fehlte die tiefe Beseeltheit des Einzelnen, wir waren noch nicht zu den Müttern hinabgestiegen. Das ist nun im Werden. Und wir. müssen jetzt zum Willen zurückkehren, der frei von Pathos, von einem triebhaften Urgefühl erzeugt, Taten schafft, die unsere persönliche Entwicklung kennzeichnen, notwendig aus ihr hervorquellen. Wie können wir nun uns wirklich betätigen? Die politische Richtung träumte und träumt von diplomatischen Konferenzen, Beeinflussungen der Regierungen u. ä. All das sind wichtige Hilfsmittel, um die Tat später sichtbar machen zu können. Aber sie bringen niemals Entscheidungen. Die Umsetzung des kulturell gereiften Willens in Realitäten verlangt einen Machthintergrund. Es gibt aber nur zwei Aeußerungs** formen dieser politischen Macht: Gewalt und Geld. Alle Diplomatie ist Spiel der Kombination, wenn nicht eins dieser Momente hinter den Kulissen in Bereitschaft steht. Die Geschichte der jüngsten Zeit zeigt uns, daß selbst kriegerische Gewalt ohne Geld nur sehr bedingten Wert hat. Umsomehr ist für uns, für die ja die Gewalt als Mittel nicht in Betracht kommt, die Geldfrage bedeutsam. Wie sehr auch durch die Kriegsnot die Schwierigkeiten für den einzelnen sich steigern mögen, es gilt die Tat zu tun. Es wird Pflicht jedes einzelnen sein müssen, den Zehnten seines Einkommens von Vermögen und Erwerb zu opfern. Haben wir denn bisher überhaupt geopfert? Waren wir bereit wie Abraham bei der Opferung Isaaks? Wir haben gespendet, aber nicht geopfert. Wir müssen es in unserer Lebensführung spüren. Es muß uns schmerzen und doch müssen wir jauchzen, daß wir opfern können, wenn anders es uns ernst ist. Ich weiß nur von einem, der so geopfert hat: Herzl. Der Krieg wird, wie ich aus nächster Erfahrung weiß, das Vermögen vieler zertrümmern, aber gerade deshalb! Zeigen wir unsere wirkliche Bereitschaft! Man wird

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.