Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- 16. Kriegsheft (Juni 1917)
- Date
- 1917-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Der Jüdische Student 5C9 glaubt haben. Um das zu erreichen, müssen wir zu den Müttern hinabsteigen, zur Bibel. Hier ist das Gebiet, wo naturgemäß die Frauen und Mädchen ihren geheiligten und so herrlichen Wirkungskreis hätten. Aber um das zu können, dazu gehört eben jene Vorbereitung auch der Frauen in der Kindheit, die wir bis jetzt noch nicht haben, jener Opfermut, der sie von allem Bequemen, Angenehmen loslöst und sie ganz jenem innerlichen Erneuerungsprozeß zuführt. Mit jüdischen Kunstabenden, Ansprachen Feiern und dergleichen Dingen, die ich durchaus schätze und bewerte, ist es nicht getan, sie sollen ja nur den Ausdruck unserer inneren Ergriffenheit darstellen. Aber zunächst muß diese geschaffen werden. Wie das Verhältnis zur Gottheit nur eine persönliche Auseinandersetzung ist und sein muß, so muß das Verhältnis zum Judentum und zur Judenheit zunächst ein persönliches sein. Wir müssen ferner so erzjüdisch denken und fühlen, wie wir es früher immer getan haben. Es wird uns oft von gerechten, nicht-jüdischen Beurteilern der Vorwurf gemacht, daß wir zu sehr Selbstkultur treiben, zu einseitig selbstsüchtig zu den Dingen Stellung nehmen. Vielleicht ist das richtig, Die Knechtschaft mit ihren Bedrohungen hat in uns vielleicht ein stärkeres Hervordrängen des eigenen Ichs gezüchtet. Es war das gewissermaßen eine Schutzmaßregel; wer immer auf der Hut sein muß, der kommt nicht zur ruhigen Betrachtung der Dinge, dem wird das ständig gefährdete Ich zum Mittelpunkt der Betrachtung und oft auch des Handelns. Freilich zeigen mir meine bisherigen Kriegserfahrungen, daß diese Art Ego zentrizität „frisch, froh, fromm und frei" bei unseren germanischen Mitbürgern üppige Blüten treibt. Aber selbstverständlich spreche ich nicht von dieser Art der überstarken Ichbeziehung, sondern von unserem egozentrischen Gefühl als Teil des Volkes. Wir müssen wieder den Mut haben, von uns zu sagen, daß wir Söhne des auserwählten Volkes sind. Jedes Volk hat die Verpflichtung, sich für auserwählt zu halten. Betrachten wir die kriegführenden Völker, so sehen wir, daß sie alle, die so heftig ,,das auserwählte Volk'' wegen dieser angeblichen Anmaßung anfeindeten, sich immer als das Volk bezeichnen, ■das für das Recht streitet. Und heißt das etwas Anderes als Auserwähltheit? Es kann dabei vernachlässigt werden, ob und wie weit Macht und Recht von den einzelnen Führern der Völker miteinander identifiziert werden und der Rechtsbegriff nur vorgeschoben wird. Es ist auch gleichgültig, ob Recht ein relativer oder absoluter Begriff ist. Das Gefühl, das Recht zu vertreten und damit auserlesen zu sein, ist das Gefühl einer «unendlichen Kraft, die wir einst besessen haben und wieder neu. besitzen wollen. Wie stark in uns jenes Kraftgefühl Wirken