Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- 16. Kriegsheft (Juni 1917)
- Date
- 1917-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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508 Der Jüdische Student -wußtsein erwacht, in denen die Grundlage für alle spätere 'Entwicklung gelegt wird, in denen, wenn überhaupt, eine Beeinflußung möglich ist, müssen alle nicht jüdischen Dinge in die Peripherie des kindlichen Seins rücken. Es ist überflüssig, daß die Kinder mit fremden Märchen und Sagen beschäftigt werden. Das muß für eine spätere Zeit aufgehoben werden; .zunächst einmal muß für uns der eigene Mythos lebendige Gestalt gewinnen. Man sagt immer, es fehle uns an Jugendgeschichten, und ich weiß wohl, daß eine Fülle von Legenden •aus dem Schacht des Talmud und dem sonstigen alten Schrifttum herausgeholt werden könnte. Es ist das ja auch im Werden, aber wir haben in der Bibel allein genug Material, auch für unsere Kinder. Es ist wichtig, daß unsere Kinder frühzeitig empfinden, daß unsere Vorstellung vom Heldentum ♦erheblich von der unserer Mitwelt abweicht. Erfüllen wir •unsere Kinder in der gleichen Art mit unserer Geschichte, wie «es unsere Wirtsvölker tun! Man denke z. B. an die in der Schule gelehrte Geschichtsperiode Napoleons I. Fürchten wir nicht, subjektiv zu sein! Wir müssen uns vergegenwärtigen, «daß das Kind die Vorstellung des Guten und Erstrebenswerten seinem Lebenskreise entlehnt. Dem Kinde ist seine Umwelt die beste aller Welten, sein Vater der beste aller Väter. Dieses -Gefühl muß ausgiebiger urbar gemacht werden. Einst war die Zeit des alten Ghetto, es folgte die Zeit des neuen Ghetto, haben wir jetzt die Kraft und den Mut, das selbstgewählte Ghetto zu schaffen! Schließen wir eine Mauer um uns, freilich nicht eine Mauer ohne Tore, aus denen Wege zur Kultur der anderen Völker führen. Aber diese Wege sollen erst dem späteren Alter offen stehen. Die früheste Kindheit muß aber kulturell abgesperrt bleiben. Man würde mich nicht verstehen, wenn man glaubte, ich wollte damit die Flucht vor der europäischen Kultur predigen. Ihr auf Entwicklung und Wertung der Persönlichkeit zielendes Streben bildet für die Formung der neuen jüdischen Wesensart ein notwendiges Ferment. Darauf im Einzelnen hier einzugehen, würde meine Absichten ^stören. Die eben entwickelte Anschauung ist nicht chauvinistisch. Es besteht auch nicht die Gefahr, daß durch ihre Ausführung -die Persönlichkeit verkümmern könnte. Denn im Grunde ikommt es nicht auf den Inhalt des Erlebnisses an, sondern auf die Art und Intimität, wie es erlebt wird. Das ist auch wichtig für die Frage des Wissens und Lernens. Wir müssen aus unseren Kindern nicht Wissensbehälter machen wollen, sondern •eine gläubige Seele, die an die Wunder des Mythos und an <die Wunder, der Erneuerung unseres Volkstums .glaubt mit jener Kraft, mit der unsere Väter an die Wunder Möses, ge-