Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- 16. Kriegsheft (Juni 1917)
- Date
- 1917-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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506 Der Jüdische Student Freiwilliges Ghetto! Ein Brief aus dem Felde von Arnold Kutzinski (V.J. St. Berlin und Freiburg A. H.), im Felde Liebe Bundesbrüder, Eure jetzt so häufig eintreffenden Nachrichten sind für uns, die wir doppelt im Exil leben, immer -eine große Freude und zugleich Anregung, „unsere Fragen1' immer wieder von neuem zu durchdenken und durchleben. Ich gehöre zu jenen Alten Herren, die Euch infolge ihrer geringen sichtbaren Aktivität wenig oder gar nicht bekannt sind. Es gab eine Zeit im V. J. St., wo die Neigung bestand, •diese Alten Herren, weil sie den Anforderungen nach aktiver Beteiligung im herrschenden Sinne nicht entsprachen, zu eliminieren. Ich habe selbst diese Auffassung geteilt und trug mich oft mit Austrittsgedanken. Wie meist, haben Imponderabilien, persönliche Zusammenhänge mich von jenem Schritt zurückgehalten. Heute glaube ich, daß auch Alte Herren von meinem Schlage ihre Daseinsberechtigung haben. Denn heute wird dem inneren Entwicklungsprozeß des Einzelnen mehr -Wert und Bedeutung beigelegt. Jeder, der in seinem Streben und Ringen die Sicherheit gewährt, daß seine Kinder zu reicheren, sicheren jüdischen Werten gelangen, hat das Recht, V. J. St-er zu sein. Es ist das gewiß nicht viel, was er dann 'bietet, aber auch nicht so wenig, wie vielleicht manche glauben. Vergleicht die Entwicklung des Einzelnen mit der unserer Bewegung! Das Werden des Einzelnen pflegt von Gefühls- <und Glaubensinhalten auszugehen und sich über den Weg der Sehnsucht zum Willen zu steigern. Der Gefühls- und Glaubensinhalt heißt beim Jüngling die Sehnsucht nach der Erweiterung des Inhalts, und die Sehnsucht führt den Mann zur Wililensbetätigung. Die neu-jüdische Bewegung in Deutschland mußte naturgemäß den umgekehrten Weg gehen. Sie begann mit dem Willen zum Jude sein. A|ber sehr bald erkannte man, wie inhaltlos, ziellos ein Wille ist, der sich nicht aus einem -starken, reichen Erfahrungsuq<J Gefühlsinhalt heraus entwickelt. Die West-Juden, die zurück zum Judenvolke wollten* -deren Eltern aber zum großen "toil alle Zusammenhänge gelöst hatten, entbehrten dieses Inhalts. War anfänglich das Wirken nach außen, die Agitatioii $as bestimmende, vorherrschende Prinzip, so dämmerte aUr^ählich die Erkenntnis, daß -die Rückkehr zum Judentum vor allem eine persönliche Angelegenheit sei. Die tiefste Frage des Einzelne**. In Deutschland erkannten nur wenige, daß die persönliche Stellungnahme zum Judentum 4as wichtigste Moment ist, nicht nur für den Einzelnen, son- •dern auch für die Erlösung der Gesamtheit. Diese wenigen waren einmal die künstlerischen^Natüren wie Buber, F e i w e 1