Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- 16. Kriegsheft (Juni 1917)
- Date
- 1917-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3537599-3537721-3537724--3964-3541705- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der Jüdische Student 503 Tneine nur, daß vierundvierzig Jahre, von denen nur sieben dem Judentum gewidmet waren, nicht genügten, alles zu erreichen. Noch ein Wort über Herzls andere Schriften. Die verblühte Schönheit seiner Feuilletons vermag uns heute nicht mehr zu fesseln. Wenn irgendwo, so müssen wir bei ihrer Lektüre an Theodor Wolff und seinesgleichen denken. Seine zionistischen Schriften wirken unvergleichlich reiner und lebendiger, aber bereichern sie wirklich unser Bild von ihm? Er hat sehr glückliche Formulierungen gefunden—aber Nordau nicht minder. Am wärmsten berührt uns die „Menorah" — weil sie mehr als Formulierung äst, nämlich einen nationalen, einen jüdischen Inhalt besitzt. Nicht in seinen Schriften liegt seine Größe. Sie könnten fehlen, ohne daß Herzl um ein Haar kleiner wäre. Was er war, nicht was er schrieb, wird bleiben. Daß Herzl die Fahrt nach Polen — keine Wanderfahrt, sondern eine Repräsentationsreise — nicht die Augen für das Wesen des Ostjudentums geöffnet hat, beweist die Tatsache, daß er danach eben einen Roman wie Altneuland schreiben konnte. Wohl aber sprach er am Schluß des 6. Kongresses die Worte: „Ich wollte, da ich inzwischen eure Herzen kennen gelernt habe, euch ein tröstendes, altes Wort sagen, zugleich eine Verpflichtung für mich, in der Sprache unserer Väter . . . "; es folgt der bekannte Schwur. Herzl hätte sich weiter entwickelt. Die gegenteilige Ansicht ist allerdings von keinem anderen als Max Nordau vertreten worden; so sagte er (in dem Heft der „Welt" zu Herzls 50. Todestage): „Konnte dieses Ausnahmegeschick sich auf der Höhe erhalten, zu der es sich erhoben hatte? Wäre es den Gefahren des Mißerfolges auf die Dauer entgangen? Hätten wir nicht den Kummer erlitten, es rasch oder allmählich in die Niederungen des alltäglichen Lebens zurücksinken zu sehen? Welch eine Enttäuschung, welch eine Versündigung an der Schönheit, wenn die Ballade von Herzl banal ausgeklungen wäre! . . . Ist es denkbar, daß das Nachfolgende das Voraufgegangene an Bedeutung und Glanz überboten oder auch nur erreicht hätte?. . . Er selbst hatte die Empfindung, daß die großen Effekte «ungefähr erschöpft waren und den Blitzen und Donnerschlägen des Beginns nunmelir die stille Zeit der ruhigen, gleichmäßigen, «unentbehrlichen, doch unansehnlichen Kleinarbeit folgen müßte... Und da entreißt sich meiner Brust unwillkürlich der grausame .Ausruf: Glücklicherweise hat der Tod es zu keiner Krise im Verhältnis Herzls zum Zionismus kommen lassen. Glücklicherweise. Es ist schrecklich, daß ein solches Wort in solchem Zusammenhange gebraucht werden kann, und doch schließt es Wahiheit in sich, denn bei aller Unwahrscheinlichkeit ist es doch äiieht unmöglich, daß Herzl sich abgenutzt und bis auf den Rest verbraucht hätte und in einem Zusammenstoß zwischen der Autorität und den Widerständen dem Zionismus verloren gegangen wäre."