Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- 16. Kriegsheft (Juni 1917)
- Date
- 1917-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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502 Der Jüdische Student jeder Alltäglichkeit zeigt sich die Macht der Persönlichkeit Wo die Realien des Lebens beginnen, da spielen Erfahrung und Zufall ihre notwendige Rolle. Hier wird auch der Genius zum» Menschen. Witkowsky verkennt die Grenze. Er meint, den Genius größer zu machen, indem er ihn jeder Menschlichkeit entkleidet, und merkt nicht, daß er ihn damit nicht zum Gott erhöht, sondern zum Götzen degradiert. Auch Herzl unterlag — wie gerade alle reichen Menschen — dem Gesetz der Entwickelung. Das habe ich mit der Behauptung gemeint, Herzl sei unvollendet gestorben, indem er z„ B. die Entwicklung von einem „leer laufenden" zu einem wirklich jüdischen Nationalismus, zu einem Nationalismus, der die jüdische Wirklichkeit be- und ergriffen hatte, noch nicht durchgemacht hatte. Auch andere Entwicklungen kannte er nicht und hatte er nicht angebahnt, z. B. Jugenderziehung, Palästina. „Unvollendet" soll also keinen Zweifel an der Vollkommenheit seines Genius und seiner Konzeption, sondern nur an der Vollendung seiner inneren Entwicklung bedeuten. Wäre Goethe etwa 1800 gestorben, so wäre er nicht weniger vollkommen,, wohl aber unvollendet. Dies Beispiel dürfte erläutern, was ich meine. Daß Herzl hinsichtlich der jüdischen Inhalte seines Wesens, keine Lücke aufweist, ist eigentlich überhaupt noch nie behauptet worden. Im Gegenteil, immer wird darauf als auf etwas Besonderes hingewiesen, daß dieser Mann aus dem ganz unjür dischen Milieu es war, der das tiefste nationale Bedürfnis des jüdischen Volkes zu formulieren verstand. Aber was hat diese Formulierung mit der Frage der jüdischen Stofflichkeit seines Wesens zu tun? Als Beweis dafür, wie fern Herzl dem inhaltlich jüdischen Empfinden stand, habe ich das Uganda-Projekt herangezogen. Will denn im Ernst jemand leugnen, daß es eiti> Fortschritt unserer Bewegung über Herzl hinaus ist, daß ein. solches Projekt heute nicht mehr möglich wäre? Und verkleinern nicht die Herzl, die meinen, daß wenn er noch lebte, wir nicht dahin gekommen wären? Altneuland, dieser Roman, m dem das erste Kapitel — „Ein moderner und verzweifelter junger Mann", worin immerhin etwas von westjüdischen Inhalten steckt — das einzige Gute ist, ist ein anderer Beweis. Um iha kommt auch Witkowsky nicht ganz herum, wenn er auch die Mängel des Romans auf mangelnde künstlerische Fähigkeiten Herzls zurückführen will. Aber in einem Anhängsel räumt er ein, daß Herzl der Blick in eine jüdische Welt, „wenn maa schon von einer Entwicklungsmöglichkeit sprechen will, noch nicht erschlossen war." Mehr behaupte ich ja gar nicht, und Witkowsky könnte die Entwicklungsmöglichkeit auch ohne das „wenn schon" zugeben. Auch'ich traue Herzl [alles zu, und