Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- 16. Kriegsheft (Juni 1917)
- Date
- 1917-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Der Jüdische Student 499 Dieses Nichtwartenkönnen trägt uns seitens Witkowskys den Vorwurf der Romantik ein. Nun ist hier nicht der Ort, dem Wesen der deutschen Romantik tiefer nachzugehen. Witkowsky tut es nicht, und ich habe nicht genügende Kenntnisse, um darüber etwas Eigenes sagen zu können. Wenn Gundolf (Shakespeare und der deutsche Geist S. 323) recht damit hat, daß den Romantikern gemein ist „die maßlose Bewegtheit und Sehnsucht nach Bewegung", so nehme ich den Vergleich mit den Romantikern gern hin. In der Tat erscheint mir die Sehnsucht nach Bewegung das Wertvollste in unserem Zionismus, während der Zionismus der Nurpolitischen die große Gefahr der Stagnation in sich birgt. Das „Unterwegssein", von dem Witkowsky spricht, müssen wir schoh für uns in Anspruch nehmen, die andern sitzen gleichsam in der Wartehalle. Witkowsky sieht aber das Merkmal der Uebereinstimmung zwischen uns und den Romantikern in etwas anderem, im mangelnden Sinn für die Wirklichkeit, in ungebändigtem Gefühlsüberschwang, in Verworrenheit der Gedanken. Zunächst eines; Ist Witkowsky nicht der Romantiker, wenn er unter Ueberspringung von Jahrtausenden wieder den Geist eines Eroberer- und Herrenvolkes heraufbeschwören und am liebsten Alt-Israel auf palästinensischem Boden wieder erstehen lassen möchte? Ich könnte da auch auf einen „hübschen Zufall4' hinweisen: Täublei*, den Witkowsky sicherlich nicht zu denen um Blumenfeld rechnen wird, gießt in seiner Geschichtsvorlesung die ganze Schale des Spotts über diejenigen aus, die unter Ausschaltung der Diasporaentwicklung die biblische Heldenzeit wieder aufleben lassen wollen, und schilt sie — Romantiker. Doch dies nur nebenbei. Wichtiger sind mir Witkowskys Vorwürfe gegen uns. Sie erscheinen mir ungerecht. Witkowsky tut so, als ob wir mit unserer intensiveren jüdischen Betätigung im Golus am Ziel zu sein glaubten, als ob wir nicht begriffen, daß es im geschichtlichen Leben ungelöste Tragik gibt. Ich frage ihn: wem kommt wohl eher diese Tragik zum Bewußtsein, dem, der um die Lösung ringt, oder dem, der sie von vornherein als aussichtslos gar nicht erst versucht? — Es ist nicht richtig, daß wir die Gegenwart für die Zukunft setzen. Wir wollen aber Schöpfer, Erbauer der zukünftigen Wirklichkeit sein. Wir wissen, daß wir heute nicht mehr als Brücke sind. Aber Brücke wollen m wir auch sein. Wir glauben, daß über uns der Weg geht. Wir wollen die Brücke fundieren, damit das nächste Geschlecht festeren Schrittes hinüber kann in das jüdische Leben, das uns als fernes Ideal leuchtet. Wir verkennen nicht die Wirklichkeit, wir wollen sie aber so gestalten, daß das zukünftige Geschlecht vor einer anderen Wirklichkeit steht. Nicht weil der Zionismus keine schnelle Erfüllung gewährt, wollen wir uns hier schon jüdischer machen, nicht Gefühlsüberschwang und Verworrenheit