Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- 16. Kriegsheft (Juni 1917)
- Date
- 1917-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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498 Der Jüdische Student Witkowsky bei gerechter Kritik auch den berechtigten Kern im Vorschlag Holdheims erkennen, wir sollten zu den O s t j u d e n, um Volljuden zu werden. So wie Holdheim es sagt, ist es eine maßlose Uebertreibung. Wenn man aber erkannt hat, daß das Wesentlichste für uns im Galuth die enge jüdische Gemeinschaft ist, dann versteht man, wie aus dem Sehnen nach ihr der Wunsch und die Hoffnung entstehen, dort, wo die natürlichen Voraussetzungen für ein jüdisches Gemeinschaftsleben in erhöhtem Maße gegeben sind, eher Erfüllung zu finden als hier. In einem Punkte sieht Witkowsky klarer als die meisten seiner Freunde. Er konstatiert nicht mit Genugtuung, daß Blumenfeld und Hirsch sich jetzt auch zur Goluspolitik bekehrt haben. Denn er erkennt wohl, daß hier doch ein wesentlicher Unterschied bestehen bleibt zwischen dem, was Zwirn und seine Freunde und dem, was Blumenfeld und Hirsch darunter begreifen. Für Zwirn handelt es sich darum, der politischen Idee des Zionismus eine immer größere Zahl von Anhängern zu gewinnen und zu diesem Zwecke in die Gemeinden, Vereine usw. einzudringen. Für uns bedeutet Golusbejahung mehr als diese gewiß sehr wichtige propagandistische Tätigkeit, nämlich möglichste Judaisierung schon im Galuth. Unsere Forderungen für zionistische Gegenwartsarbeit sind keine Umkehr, sondern ein organischer Ausfluß des in allen Stadien umwandelbaren Faktors unseres Zionismus, d. i. des Nationalismus, den zu verinnerlichen es uns jetzt drängt. Dieser Nationalismus mußte die jetzige Phase des Zionismus herraufführen. Die Vertreter des reinen politischen Zionismus können warten, bis die Erfüllung in Palästina kommt. In uns sprengt das nationale Sehnen die Hülle, weil es nicht länger eingeschlossen leben kann, weil es Luft braucht, und so entlädt es sich in Forderungen für den Galuth. Man soll hiergegen nicht Herzl ausspielen, Uebrigens spricht Witkowsky selber am Ende seines Artikels von einer Entwicklungsmöglichkeit, die Herzl vielleicht noch nicht erschlossen war. Herzl bleibt für uns in alle Ewigkeit der geniale Erwecker aus lethargischem Schlaf, der unsern Willen zum Judesein entzündete und uns daher ungleich mehr bedeutet als alle diejenigen, die unser Wissen vom Judentum erweitert haben. Nun wir aber erwacht sind, stellen neue Lebensbedürfnisse sich ein. Der wache Körper regt sich. Es ist keine Beschäftigungstherapie,, wie ein Bundesbruder einmal unser Tun deuten wollte Ich sehe nicht die Krankheit, welche eine Therapie erfordert. Ich sehe organisches gesundes Leben, Regungen des erwachten '. Volksbewußtseins. Wir können und wollen in der Tat nicht warten, weil man wohl die Erreichung eines politischen Ziels, aber nicht den Lebenswillen vertagen kann.