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Der jüdische Student · 1917-06-01 · 16. Kriegsheft (Juni 1917) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
14 (1917-1918)
Issue
16. Kriegsheft (Juni 1917)
Date
1917-06-01
Page
[Seite] (sequence 24)
Language
German
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494 Der Jüdische Student tum. (Hier kann doch der böse Oolusgeist noch nicht seine Schatten vorauswerfen.) Das Adonai echad ist allerältestes biblisches Gut (Deuteronomium), und es läßt sich nicht leugnen, daß dieser Satz auch ohne Cohens Erläuterung nicht allein die religiös-intuitive Erfassung der Existenz Gottes, sondern auch die rationale Erkenntnis seiner Einheit enthält. Andrerseits denkt der Golus-Jude des Ostens, der — nicht erst auf Anweisung von Hermann Cohen — inbrünstig mit der Hand vor den Augen das Schema Israel betet, dabei nicht an den Monotheismus im Gegensatz zum Pantheismus und Polytheismus, sondern rein gefühlsmäßig an seine Einheit, seine Vereinigung mit Gott. Es ist also wiederum nicht so, daß dieser Jude vom rationalistischen Geiste des Golus „verseucht' ist. Im alten Midrasch, der ein farbenreiches Bild des religiösen Lebens der ersten nachbiblischen Jahrhunderte gibt, finden wir nebeneinander Niederschläge intuitiv-religiösen Erlebens wie rein rationalistischen Denkens/ Und wer will entscheiden, welcher Zug der charakteristische ist? In Jesaias heißt es: „Ihr seid meine Zeugen, spricht der Herr, und ich bin Gott." Dazu bemerkt ein alter Midrasch: „Wenn ihr meine Zeugen seid, so bin ich Gott, und wenn ihr nicht meine Zeugen seid, so bin ich — wenn man es sagen darf — nicht Gott." Neben solchem Auspruch lesen wir einen wohl aus gleicher Zeit stammenden rationalistischen Satz zum 2. Buch Mos. Cp. 19 Vs. 3: „Niemals stieg Mose zu Gott hinauf und niemals senkte sich die Schechina herab; die Tora spricht eben nach der Redeweise der Menschen", ein Satz, den Witkowsky wohl als sehr „golusvernünftig" empfinden wird. Als „golusvernünftig" würde Witkowsky sicherlich auch Wortspiele geißeln, wie sie sich z. B. in Jeremias Cap. 1, Vers 11 und 12 und in Arnos, Cap. S. Vers 1 und 2 finden, wenn sie das Unglück hätten, im Talmud zu stehen. Man könnte diese Beispiele leicht häufen. Was ich sagen will, ist das : Wenn es, worauf Witkowsky Wert legt, keine Brücke zwischen der religiös -intuitiven Geistesart und der rationalistischen Denkungsart gibt, so ist es doch verfehlt, die Cäsur mit dem Galuth zu machen. Das sind Verschiedenheiten, die im Wesen des Individuums wurzeln und die zu allen Zeiten und bei allen Völkern nebeneinander zu Tage treten und die bei uns mit Autochthon und Nichtautoehthon keineswegs zusammenfallen. Wie gesagt, es gibt wohl überhaupt keinen einheitlichen Qeist bei irgend einem Volke, auch wenn es unter normalen Bedingungen lebt. (Ist die Brücke von Goethe zu Wagner, von Friedrich, dem Größen zu Bismarck so leicht zu schlagen?) Eines steht aber bestimmt fest: mit der Zweigeistertheorie Witkowskys kommt man dem Problem des jüdischen Geistes nicht näher. - /

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