Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- 16. Kriegsheft (Juni 1917)
- Date
- 1917-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jüdische Student 493 Judenideal schuldig zu sein glaubt, das gesamte Golusjudentum in Bausch und Bogen als minderwertig zu zeichnen. Vielleicht läßt sich Witkowsky von einem Nichtjuden über die Bedeutung des nachbiblischen Judentums für die Gesamtentwicklung belehren. Ich möchte ihn und die andern Bundesbrüder auf ein Buch eines englischen Gelehrten hinweisen: Herford, das pharisäische Judentum. (Leipzig 1913). Dieser Mann wird in der Tat dem pharisäischen Judentum gerechter als die meisten andern Nichtjuden — und Juden. Er. sieht in den Pharisäern und den späteren Rabbinen die rechtmäßigen Nachfolger und Fortsetzer der Propheten. Allerdings hängt dies mit einer Auffassung von den Propheten zusammen, die von der Witkowskys etwas abweicht. Herford sieht nämlich auch in den Propheten vorwiegend Prediger der Gerechtigkeit. Witkowsky tut zwar so, als ob es eine golusgeistige Entdeckung Achad Haams wäre, daß das Wesen der jüdischen Religion in der Gerechtigkeit liege. Man könnte Witkowsky seine Beurteilung des nachbiblischen Schrifttums, das er wohl nicht so genau kennt und das ja auch schwerer zugänglich ist, eher nachsehen, wenn er wenigstens dem Geiste des biblischen Judentums gerechter würde. Wie kann man aber bestreiten, daß der Gedanke der Gerechtigkeit der am stärksten tragende im jüdischen Prophetismus ist?*) Witkowsky führt eben sein Bestreben, den jüdischen Geist in seiner angeblichen Reinheit auf einen bestimmten Inhalt festzulegen, in die Irre. Wie mir scheint, kann man aber den Geist eines Volkes überhaupt nicht inhaltlich fixieren. Dem widerstrebt seine Mannigfaltigkeit. Daher sind auch meines Erachtens alle Versuche, den jüdischen, oder gar — was bei dem größeren Komplex noch problematischer ist — den orientalischen Geist zu bestimmen, mißglückt. Nur die einzelnen Erscheinungen im Geistesleben des Volkes tragen ein bestimmtes Gesicht, im Volksgeist als Ganzem sehe ich nur die Fülle der Gesichte. Wenn man nun z. B. versucht^ das hervorstechende Stigma beim alten Judentum, wie es uns in den Propheten entgegentritt, festzustellen, so findet man bei unbefangener Prüfung, daß das Schwergewicht der antiken jüdischen Religion, trotz einzelner visionärer Züge bei den Propheten, nicht im Glauben, in Gefühl und Phantasie, sondern in der Erkenntnis ruht. Der Forderung deswejodato Elohim (und du sollst Gott erkennen), des daath Elohim begegnet man überall schon im ältesten Schrift- *) Vergl. z.B. Arnos 5, 15 u. 24; 6, 12. — Jes. 1, 17, 21 u. 27; 4, 4; 28,17 -f 30,18; 33,5; 42, 1, 3 u. 4; 56. 1; 61, 8. — Jer. 5, 1; 7, 5; 9, 23.— In einem alten Midrasch heißt es: „Wer ein wahrhaft gerechtes Urteil fällt» dem rechnet es die heilige Schrift so an, als sei er ein Genosse Gottes am Schöpfungswerk."