Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- 16. Kriegsheft (Juni 1917)
- Date
- 1917-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jüdische Student 491 nung im Kampf gegen die „andere Richtung" gerade für die seinige mit Beschlag belegt ... Diese Feststellung erschien mir im Interesse der Gerechtigkeit erforderlich. Ich will mit ihr aber beileibe nicht dartun, daß <die sich hier bekämpfenden Richtungen wesensgleich sind. Im Gegenteil bietet! mir Witkowskys Artikel einen willkommenen Anlaß, einiges darüber zu sagen, wie anders als Witkowsky sich mir das Verhältnis von Zionismus und Golusjudentum darstellt. Golusbejahung bedeutet mir im Gegensatz zu Witkowsky ein doppeltes: für die Vergangenheit eine Bejahung auch der Werte, die das Diasporajudentum geschaffen hat, für Gegenwart und Zukunft eine Bejahung der nationalen jüdischen Arbeit an uns im Galuth, und da, wo die natürlichen Voraussetzungen, wie z. B. in Rußland, dafür vorhanden sind, auch eine Nationalisierung des Galuthlebens. Beide Beziehungen des Zionismus zum Golusjudentum sollen hier zu skizzieren versucht werden. Witkowsky wirft Holdheim vor, er spreche vom „jüdischen Geis t", als wäre es ein Ding, mit Händen zu greifen, und ruft uns energisch zu, wir sollten ihm den jüdischen Geist zeigen, nach dem wir streben. Eine solche Aufforderung erzeugt Verlegenheit. Diese Verlegenheit scheint mir aber ähniich derjenigen zu sein, in die Faust gerät, als Gretchen ihn fragt, ob er an Gott glaube, und diese Verlegenheit spricht weniger gegen Faust als gegen Gretchen. Ich glaube, daß der Jüdische Geist auch in den Schöpfungen des Golusjudentums -„in ewigem Geheimnis unsichtbar sichtbar webt", wenn wir ihn auch nicht mit Händen greifen können, wenn es uns auch nicht gelingt, wie Witkowsky es wünscht, ihn scharf zu umgrenzen und ihm alles Problematische zu nehmen. Es ist nämlich überhaupt nicht möglich, den Geist eines Volkes scharf zu umgrenzen. Der Vorwurf des mangelnden Blickes für das Problematische der Frage fällt auf Witkowsky zurück. Denn für ihn liegen die Dinge ganz einfach. Er hat zwei Farben auf seiner Palette: weiß und schwarz. Weiß ist der Geist des biblischen Volkes: „männlich, kraftstrotzend, naiv, Geist eines Eroberer- und Herrenvolkes, in seiner höchsten Vollendung ins Unirdische hinübergreifend, unvergänglich groß und heldenhaft." Schwarz ist der Geist des nachbiblischen Judentums: „ein Gemisch aus Ererbtem, Anerzogenem, in Not und Qual Erzwungenem und Hineingepreßtem, unmetaphysisch, unmystisch, . . . eine in Unfreiheit und Not herangezüchtete Geistesart." Dieser Geist spricht nach Witkowsky aus dem nachbiblischen Schrifttum ebenso sehr wie aus den Offenbarungen der „Europäer" Brandes, Theodor Wolff und Genossen. Ich will hier nicht in eine Wertung von Brandes und Theodor Wolff eintreten, finde