Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- 16. Kriegsheft (Juni 1917)
- Date
- 1917-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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490 Der Jüdische Student auch den Intellekt zur Hilfe nehmen »muß. Wem das nicht liegte der bleibe der Diskussion fern, störe sie aber nicht durch dauernde Klagen über die gestörte Gemütlichkeit.) Die Sachlichkeit Witkowskys ist allerdings nur eine relative. Wie geht er zu Werke? Er greift aus Holdheims Artikel einige- Sätze über die Mittel-zum Jüdischerwerden heraus, nimmt Holdheim als typischen Repräsentanten des Zionismus Blumenfeldscher Richtung und baut darauf seine Kritik. Gerechter und naheliegender wäre es gewesen, er hätte für diese Richtung; nun z. B. Blumenfeld selber sprechen lassen. Das hätte ihn vielleicht davor bewahrt, den bekämpften Zionismus als. einen im wesentlichen rückwärts gewandten, romantischen und seinen eigenen als den in die Zukunft blickenden zu charakterisieren. Wenn jemand keine anderen Quellen für den sog. Blumenfeldschen Zionismus hätte als Witkowskys Artikel, so^ würde ihm Blumenfeld ungefähr als ein Zionist erscheinen, der . alles Heil von Wanderfahrten zu den Ostjuden, liebevoller Versenkung in den Golusgeist und vom Hebräischlernen erwartet und dem Palästina und die Hoffnung auf ein neues Erblühen, jüdischen Lebens auf jüdischem-Boden, wenn auch nicht Hekuba, so doch ein Faktor zweiten oder dritten Grades ist. Da aber glücklicherweise noch andere Erkenntnisquellen für den Blumenfeldschen Zionismus als Witkowskys Artikel zu Gebote stehen, so erscheinen die Dinge doch in etwas anderem Lichte. Da. weiß man, daß Blumenfeld im B. J. C. derjenige war, der nicht müde wurde, das Faustische Wort „vom freien Volk auf freiem Grunde" zu predigen, daß er noch heute sagt, „im Auslande (Golus) verdorren auch die Saftigen", daß Blumenfeld stets vor der gefährlichen Gleichung Ostjuden und Volljuden warnte und daß überhaupt sein Zionismus durchaus nicht an einer Unterschätzung des Zukunftselements im Zionismus und einer Ueberbewertung von Gegenwart und Vergangenheit krankt. Allerdingskann man aus Blumenfelds eigenen Darlegungen auf dem K.J.V.¬ Tag rnd dem zionistischen Delegiertentag ersehen, daß er jetzt eine Synthese zwischen unserer Gegenwartsarbeit und Zukunftshoffnung zu finden sich bemüht (eine Synthese, die vielleicht viele von uns schon lange in sich tragen ohne das gleiche Vermögen zum plastischen Ausdruck) und daß man diese Synthese nicht besser formulieren kann als mit den Worten, die Witkowsky als kennzeichnend — und das ist das Ueberraschende — für seinen eigenen Zionismus am Ende seines Artikels anführt.. „Unser Leben müssen wir—und das ist wahre Golusarbeit — mit Jüdischem so ausfüllen, daß wir die Brücke immer fester gestalten, die einst unser Volk ins verheißene Land führt." Nein,, von einem solchen Zionismus werde ich niemals behaupten,, daß er eine „mindere Entwicklungsstufe" darstellt. Ich finde es nur ein wenig ungerecht, wenn Witkowsky diese Kennzeieh-