Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- 16. Kriegsheft (Juni 1917)
- Date
- 1917-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jüdische Student 487 Durchaus unklar bleibt aber Witkowskys Stellung. Einmal $agt er: Wir müssen den inneren Zwiespalt als die TragUc unseres Seins erkennen und erdulden lernen, unser Leben aber — und das ist die rechte Galutharbeit — mit Jüdischem so ausfüllen, daß wir die Brücke immer fester gestalten, die einst stinser Volk in das verheißene Land führt; zu diesem Zweck lerne such er hebräisch. Diese Anschauung deckt sich, wie mir scheinen will, völlig mit der meinen. Andererseits lehnt er — und befindet sich dabei in merkwürdigster Uebereinstimmung mit A c Ii a d Vi a a m — die den Menschen umformende Kraft des nationalen Willens ab. Nichts anderes als unseren zionistischen Voluntarismus bekämpft er, wen.i er von der Welt des Scheins spricht, in die wir gegenüber ehr Welt des Seins uns .hineinzuleben versuchen. Die Erkenntnis, wie wir sind, steht im Mittelpunkt seines Denkens. Wenn wir im Gegensatz zum Sein wollen, dann stellt er fest, was keines Beweises bedarf, .daß ras Neue noch gar nicht da ist, daß es weder eine neue jüdische Kultur noch auch nur eine Sprache gibt, die Träger ■dieser Kultur sein kann. Das wissen wir so gut wie er. Ich bin \on der Unzulänglichkeit des bisher Geschaffenen überzeugt. Ich weiß, daß wir selbstverständlich erst in der kritischen Periode leben, die der schöpferischen vorausgeht. Vor Jahren habe ich das — als ich Gundolfs Buch über Shakespeare und >den deutschen Geist las — immer wieder in Vorträgen ausgeführt. Erst aus dem Erlebnis kann die wahre Erneuung kommen, «erst aus dem nationalen Leben die schöpferische Leistung nationaler Kultur. Unsere Aufgabe aber ist es, mit klarer Erkenntnis in dieser der Leistung nach unfruchtbaren Zeit den Schutt hinwegzuräumen für die Arbeit der kommenden Geschlechter. Wir können dieses Leben ohne das Gefühl innerer Verarmung führen, weil wir erfüllt sind von dem Freiheitswilien des zionistischen Pioniertnms. Nichts Verschnörkeltes, Dunkles, Verknäultes ist in diesem von gedanklicher Verworrenheit durchaus freien Unterfangen zu -erblicken. Ich glaube im Gegenteil, daß in unseren Reihen jener frische, unbesorgte Sinn zu finden ist, den Witkowsky sonst so sehr schätzt. Geistig ist unsere Bewegung allerdings, aber diese Geistigkeit .allein führt uns zur Tat. Den Geist lieben wir, nicht ausgedachte Theorien. Tatmenschen, keine blassen Buchmenschen erziehen wir durch den Geist. Was uns Tat ist, sieht vielleicht anders aus als die heroische Geste der gepanzerten Faust. Sind schon bei anderen Völkern die Zeiten nationaler Erhebung zugleich «die Zeiten gewesen, in denen der Geist die Menschen er- .griff und „die Kraft des Gemütes sich als stärker erwies als *die Gewalt der Arme", so sind die nationalen Bewegungen unserer Geschichte ganz gewiß durch ihre geistige Kraft gekennzeichnet. Uns£re gröJBie Erinnerung, die uns heute wie