Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- 16. Kriegsheft (Juni 1917)
- Date
- 1917-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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484 Der Jüdische Student Richtung geben, das ist das Ziel Bubers so gut wie Ach ad Haams. In einem der jüdischen Entwicklung gewidmeten Artikel kann daher Achad Haam nicht neben Hermann Cohen gestellt werden, weil angeblich gleiche Anlage des Geistes und gleiche Methode beide verbinde. Mangelnde Ueburig in der Erörterung dieser Fragen hat dazu geführt, daß eine; gewisse Geistesrichtung Voraussetzung für zionistische Gesinnung zu sein schien. Der rationalistische Zionist ist um nichts sehlechter als der mystische. So unverkennbar übrigens der Einfluß Achad Haams und Bubers gewesen ist, so kenneich in unseren Reihen kaum einen blinden Anhänger Achad Haams und nur wenige, die Bubers jüdische Auffassung wirklich kennen, und sich dennoch als seine Schüler fühlen. Ich hoffe, bald die Gelegenheit zu finden, mich über meine Stellung zur Theorie des Zionismus, die durch die Entwicklung erweitert Gnd vereinfacht worden ist, zu äußern. 5. Materielle und geistige Judennot, Galuthbejahung und Galuthverneinung waren die großen Schlagworte, mit denen der Zionismus in die jüdische Öffentlichkeit trat. Bausteine zu cyklopischen Mauern. Mit feierlichem Staunen betrachteten wir den ungegliederten gewaltigen Bau aus gemessener Entfernung. Allmählich wurden wir zutraulicher, kamen näher und sahen, wie zu leben begann, was eben noch starrer Begriff war. Überall trafen wir auf reiche Gliederung und fließendes Leben, als wir Einzelheiten kennen lernten und mit den wahren Verhältnissen vertraut wurden. Für uns als Mitbeteiligte verloren die Begriffe ihre unkomplizierte Eindeutigkeit und wir merkten mit Freude, daß sie nur erste Hilfsmittel für das Verständnis der zionistischen Idee waren. Erst als der Reichtum des palästinensischen Lebens sich vielen von uns erschloß und wir die einzelnen Fragen der neuen Siedelung kennen lernten, wurde Palästina von einer theoretischen Forderung zur Lebensnotwendigkeit. So wissen wir heute alle wie willkürlich die Scheidung zwischen materieller Judennot im Osten und geistiger Judennot im Westen ist. Nur der Begriff der Galuthverneinung hat bei uns noch wenig von seiner ursprünglichen Starrheit verloren. Auch er ist ein künstliches Gebilde. Der Zionismus ist eine Epoche, ein Haltepunkt in der jüdischen Geschichte. Er ist eine durchaus revolutionäre Bewegung, die eine neue Zeit für unser Volk heraufführt. Dennoch wird er so wenig wie irgend eine andere noch so gewaltsame Umwälzung irgend eine Zeit der geschichtlichen Vergangenheit auslöschen. Er ist ein Produkt der jüdischen Geschichte des 19. Jahrhunderfs und knüpft an das Judentum unserer Zeit an, das für ihn reif gewnrden ist. Die jüdischen Menschen des Ostens und Westens sind in ihrer jüdischen Bedingtheit seine