Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- 16. Kriegsheft (Juni 1917)
- Date
- 1917-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jüdische Student 483 bekannte Betrieb in den Wiener Verbindungen. Es wäre unmöglich, daß Herzl heute ein Alt-Neuland schriebe. Wenn Witkowsky die neue Siedlung in Palästina kennen gelernt haben wird, deren Geist ihm noch mehr zuwider sein müßte als der unsere, dann wird er sicher an der Hoffnung verzweifeln, daß die jüdisch - menschliche Zukunft dadurch charakterisiert sein wird, daß sie die letzten Spuren des Ostjudentums in sich selbst überwindet. Witkowskys Konstruktionen von dem Wesen des Judentums sind durch die geschichtliche Entwicklung nicht berührt. Er haßt das Qaluth, in dem die Juden bis vor 150 Jahren ein reiches nationales Leben geführt haben und sieht das jüdische Leben unserer Tage — wie ich ihm oft versichert habe — durchaus mit den Augen der Antisemiten an. Aus Ekel vor einem Judentum, das ihm in Oeorg Brandes und Theodor Wolff verkörpert zu sein scheint, ist er Zionist, nicht aus Liebe zu dem großen jüdischen Volke, in dem wir uns schon heute wahrhaft heimisch fühlen. Nicht mehr durch Mangel an historischem Sinn ist es zu entschuldigen, wenn Witkowsky das Adonai echad für ein Rechenexempel hält und die Meinung vertritt, daß hier eine auf dem Ergebnisse formalen Denkens beruhende metaphysische Erkenntnis zu einem inbrünstigen religiösen Erlebnis erhoben wird. Echad ist zwar ein Zahlwort und bedeutet eins. Ist deshalb etwa die Idee der Gotteinheit ein Rechenexempel? Das nach langer Entwicklung geborene größte religiöse Erlebnis unseres Volkes wird hier von einem Zionisten ahnungslos abgetan! Es war das Erlebnis einer Zeit, in der Könige in Israel regierten und unser Volk höchste schöpferische Kraft bewährte. Was soll uns der Zionis- , mus, wenn selbst das tiefste Erlebnis unserer Vergangenheit sich als schal erweist? Auch WTtkowsky beschäftigt sich — wie man sieht — mit dem Geiste des Judentums. Er wird es verstehen müssen, daß auch wir von dem Wesen des Judentums uns Vorstellungen machen. Die Frage nach dem Sinn der eigenen Art ist eine der notwendigen Aufgaben unserer Bewegung. Es handelt sich dabei nicht um ein Schürfen nach einem Ding, das nur für den Altertumsforscher Liebhaberwert hat, nicht um ein unfruchtbares Grübeln blutleerer Theoretiker; eine aufbauende Tätigkeit ist es. Der Zweck dieses Nachdenkens, Sichversenkens in die Frage nach dem Geist des Judentums ist die zukünftige Ordnung des jüdischen Gemeinschaftslebens: unser Freiheitsideal ist wesentlich durch die Vorstellung, die wir von jüdischer Art haben, bestimmt. Dem Sinn, dem Witkowsky zum Leben verhelfen will, entspricht vielleicht die Verfassung Alt-Neulands. Wir lehnen dieses Zukunftsbild ab und versuchen, nach anderen Vorstellungen über unser Wesen die Art und die Gestalt unseres zukünftigen Lebens zu formen. Der Entwicklung eine bestimmte