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Der jüdische Student · 1917-06-01 · 16. Kriegsheft (Juni 1917) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
14 (1917-1918)
Issue
16. Kriegsheft (Juni 1917)
Date
1917-06-01
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
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Der Jüdische Student 481 daß Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte vergehen müßten, bis die hebräische Sprache zum adäquaten Ausdruck unseres Denkens werden könnte. Ich habe von hervorragenden Sachverständigen, z. B. von Ben Jehudah, David Yellin, Achad Haam, Josef Klausner das Gegenteil versichern hören. Eine Sprache erblüht durch die Glut des nationalen Wollens. Es sei daran erinnert, daß das Ungarische wenige Jahrzehnte gebraucht hat, um aus einer Bauernsprache, die von allen Gebildeten der unga-, rischen Nation für entwicklungsunfähig gehalten wurde, zu ein^c anerkannten Kultursprache zu werden. Ist es richtig, daß nur in Palästina das Hebräische zur organischen Entwickelung gelangen kann, dann müssen wir das heute vorhandene Sprachgut kennen, um der palästinensischen Entwickelung zu folgen. Es ist aber noch nicht ausgemacht, daß nicht im Zusammenhang mit Palästina auch unsere hebräische Bewegung unserem Geist Genüge zu tun vermag. Im Zionismus, im Streben nach Zion hat der jüdische Geist hohe Leistungen vollbracht: In Babylon entstanden die Psalmen, schufen Propheten ewige Werke. Was soll der Hinweis auf die „ganz banale Tatsache, daß unsere Nationalsprache, die von der Mehrheit des jüdischen Volkes gesprochenwird, die jüdische und nicht die hebräische ist", während Witkowsky doch davon überzeugt ist, daß automatisch wie im Westen so im Osten das jüdische Sonderdasein durch den ehernen Gang der Entwickelung zerstört wird? 4 Wie ungehalten ist der mit beneidenswerter Sicherheit Urteilende, wenn „H o 1 d h e i m mit Selbstverständlichkeit vom jüdischen Geist und vom jüdischen Volk spricht, als wären es Dinge mit Händen zu greifen!" Für Witkowsky sind die Dinge doch einfach genug. Er kennt den naiven Geist des biblischen Volkes, eines Eroberer- und Herrenvolkes, und den metaphysischen, unmystischen Geist des Galuth, der die Vernünftigkeit zu einem Gegenstand von fast religiöser Inbrunst erhoben hat Witkowskys Urteile sind, wie sich bei seiner Untersuchung des jüdischen Geistes mit besonderer 'Deutlichkeit zeigt, aus einer Anlage seines Wesens zu erklären. Die Fähigkeit, menschliche Dinge in der Entwicklung zu sehen, die Fülle der Erscheinungen auf sich wirken zu lassen, kurz, die Vergangenheit historisch zu betrachten, fehlt ihm. Er konstruiert, und konstruiert sich ein Judentum, das nichts mit dem Judentum der Vergangenheit und Gegenwart zu tun hat, wohl aber mit der Sehnsucht, die in ihm lebt. Die in alldeutschen Kreisen herrschende Vorstellung vom Wesen deutscher Kultur entspricht seiner Art. Menschen, die aussehen, wie die Helden Wagnerscher Opern sind für ihn Vorbilder jüdischer Helden. Jüdischer Liberalismus und politischer Liberalismus sind für ihn gleich verabscheuungswürdige Gebilde. Alles Demokratische ist ihm so tief verhaßt, daß er in der Tatsache, daß Karl Marx ein

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