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Der jüdische Student · 1917-06-01 · 16. Kriegsheft (Juni 1917) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
14 (1917-1918)
Issue
16. Kriegsheft (Juni 1917)
Date
1917-06-01
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Der Jüdische Student 479 des 19. Jahrhunderts war die Emanzipation eine unbekannte Größe von überwältigender Kraft, der das Judentum der europäischen Länder nicht entgegenzutreten vermochte. Heute gibt es eine fertige jüdisch-nationale Bewegung, damals herrschten weltbürgerliche, heute nationale Strömungen. Dies einige lieberlegungen allgemeiner Natur. Eine begründetere Auffassung geben dem sich ernsthaft mit der Ostjudenfrage beschäftigenden Zionisten die unschwer zugänglichen Berichte über die gegenwärtigen Erscheinungen im jüdischen Leben. H e r z 1 hätte nicht nur der Genius sein müssen, der alle Höhen und Tiefen der jüdischen Tragödie erlebt hätte, er hä'te auch ein Prophet sein müssen, um die Entwicklung des Judentums in Rußland in den letzten zwölf Jahren zu ahnen. Da ich seit Jahren die Entwicklung des jüdischen Lebens in Rußland verfolge, weiß ich, wie fast jedes Jahr unerwartete Ueberraschungen gebracht hat. In leidenschaftlichstem Tempo geht es dort vorwärts. Im Jahre der Pogrome gab es nur revolutionäre Bundisten, antijüdische Intelligenzler. Die Kinder der Zionisten waren jüdisch gleichgültig, und ich nahm an, daß erst aus der Assimilation ein neuer Zionismus geboren werden könne, von ganz anderer Art als der uns damals bekannte Zionismus der gutjüdischen Balbattim. In Rußland galt der Zionismus als eine durchaus bourgeoise Bewegung halbfrommer, für Palästina interessierter Elemente. Nur wenige Einzelerscheinungen schienen dem zu widersprechen. Nach der Revolution kam die große Apathie, und seit etwa sechs Jahren erst begann sich das Bild zu ändern, mit so erstaunlicher Schnelligkeit, daß gute Kenner des russischen Judentums, wenn sie einige Jahre nicht mehr hatten im Lande sein können, eine neue Welt zu finden glaubten. Der Zeire Zion, der Hechawer, eine große hebräische Jugendbewegung sind entstanden. Von dieser Jugend wird das Hebräische gesprochen. Witkowsky kann sich das in Berlin etwa von Rubaschofi bestätigen lassen, wenn er nicht lieber diese Kreise selbst kennen lernen will, wozu sich ihm in Berlin auch Gelegenheit bietet. Selbst in Polen, dessen Judenschaft — soweit ich das zu beurteilen vermag — sich nicht entfernt mit den Juden Littauens messen kann, ist die hebräische Bewegung sehr stark. Anders gerüstet tritt das Judentum jener Länder den fremden Kulturen gegenüber, die ihm nicht mehr so berauschend überwältigend erscheinen, wie den deutschen Juden die deutsche Kultur zur Zeit der Emanzipation. Im Ostjudentum leben Bewegungen, die wir auf uns wirken lassen müssen, wenn wir überhaupt für die lebendigen Kräfte der jüdischen Art empfänglich sind/) -) Der Artikel ist Wochen vor Ausbruch der russischen Revolution ge* schrieben worden. Die Redaktion

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