Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- 16. Kriegsheft (Juni 1917)
- Date
- 1917-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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478 Der Jüdische Student Die Methode muß erst gelernt werden: Die Bibel lesen wie ein Deutscher den Faust liest. Der Unterricht muß die dünne Schicht, die uns am unmittelbaren Aufnehmen hindert, hinwegräumen; dann wird sie sich als größtes Erlebnis unseres Wesens offenbaren. Ohne Philologie und ohne literarhistorische Anmerkungen müssen wir künstlerisch und jüdisch einführen und eingeführt werden in dieses Buch. Wie deutsche Menschen ein Werk der deutschen Größe erleben, so erfassen wir unverlierbar, wie wir zum Volk wurden und wie wir ein Volk sind." 2. Wie operiert Witkowsky mit den großen Welten im Judentum, deren Kenntnis wir uns allmählich zu erarbeiten hoffen? Was würde er sagen, wenn jemand von deutschen Juden so verallgemeinernd sprechen wollte, wie er von Ostjuden? Ostjuden ist ein Begriff, der vielleicht noch heterogenere Erscheinungen des jüdischen Lebens umfaßt als der Begriff Westjuden. Den meisten deutschen Zionisten fehlt das Unterscheidungsvermögen für die Ostjuden. Bestenfalls wissen sie, daß es polnische, iittauische und wolhynische Juden gibt. Von der unendlichen Vielgestaltigkeit des ostjüdischen Lebens und seinen Bewegungen werden auch die Bundesbrüder, die lange auf dem östlichen Kriegsschauplatz gewesen sind, keine Vorstellung bekommen haben. Littauen ist jüdisch verödet, die besten Elemente des jüdischen Volkes in den besetzten Gebieten sind nicht mehr in diesen Ländern. Schiefe und absolute Urteile werden gefällt. Das zionistische Know-nothing-tum feiert seine Triumphe. Neben erschreckender instinktiver Abneigung steht leidenschaftliche, kritiklose Bewunderung. Gerade die Liebe zum jüdischen Volk wird jenen maßlosen Ostjudenkult unschön finden, der allerdings dadurch zu erklären ist, daß für viele Zionisten das östliche Judentum erst jetzt als ein in den Bereich ihres Lebens tretendes wundervolles Glied unserer Gemeinschaft entdeckt worden ist. Die wahre Liebe wird uns auch dort die Kraft zur Sachlichkeit geben.. Für Witkowsky erledigt sich das Ostjudenprogramm in wenigen Worten. Mit bewundernswerter Sicherheit deutet er das Herzlwort vom Judentum unterwegs dahin, daß Herzl dem Ostjudentum eine ähnliche Entwicklung vorzeichnen wollte wie sie das Westjudentum durchgemacht hat. Es ist ihm gar nicht zweifelhaft, daß nach hundert Jahren die russischen Juden genau solche Russen sein werden, wie er durch die Entwicklung des 19. Jahrhunderts ein Deutscher geworden ist. Was sich im deutschen Judentum im 19. Jahrhundert abgespielt hat, wird sich mit automatischer Gesetzmäßigkeit im Osten wiederholen. Wer das nicht glaubt, besitzt eine romantische Gemütsverfassung, ihm fehlt das Gefühl für die Welt des Seins. Ich glaube auf Grund meiner Kenntnisse, daß die Entwicklung sich wesentlich anders als im Westen vollziehen wird. Am Anfang