Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1917-06-01 · 16. Kriegsheft (Juni 1917) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
14 (1917-1918)
Issue
16. Kriegsheft (Juni 1917)
Date
1917-06-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3537599-3537721-3537724--3938-3541679
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der Jüdische Student 477 sich zutraute, der Vergangenheit die Geheimnisse der einstigen Größe so abzulauschen, daß sie wie durch zauberhafte Kraft ein neues Leben schuf, war immer die leuchtende schöpferische Begleiterin nationaler Bewegung, die eine Welt des wahren Seins an Stelle des Gegebenen setzen will. Zion ist anderen eine Utopie, ein Nirgendland, obwohl es für uns schlechthin das Land ist und wir für die andere Welt seit alter Zeit nur die Bezeichnung „chuz laarez", außerhalb des Landes, kennen. Für uns ist Erscheinung geworden, was anderen nur Schein sein kann. Es ist nur eine Frage des richtigen Maßstabes, ob Witkowskys jüdische Anschauung realeres Judentum ist als die jüdischen Vorstellungen unserer jungen „Romantiker", die—wie mir scheint— sehr konkreten Inhalt haben. Ich muß gestehen, daß ich gerade unserer jüngeren Generation, die wir allmählich zum Respekt vor den Tatsachen erzogen haben, mehr romantische, zu außerordentlichen Taten treibende Sehnsucht wünschen würde. In Palästina, in den Kreisen unserer Arbeiter, sehe ich Blüten starker Romantik, deren Frucht uns dereinst vielleicht als „klassische Leistung" erscheinen wird. Unsere jungen Zionisten haben heute das deutliche Bestreben, in tüchtiger Klarheit die Tatsachen des jüdischen Lebens kennen zu lernen Daß sie die Gemeinschaft mit den Juden des Ostens suchen, scheint mir in einem starken Wirklichkeitssinn seinen Grund zu haben. Augenscheinlich glauben sie durch die Berührung mit einem von ihnen für jüdischer gehaltenen lebenden Teil des Volkes jüdischer zu werden. Witkowsky meint vielleicht, es gäbe junge Zionisten, die im Ostjudentum die Vollendung ihrer jüdischen Sehnsucht erblicken. Ich kenne keinen, der das tut, aber ich glaube erwarten zu dürfen, daß Witkowsky m r wenigstens einen Vertreter dieser Anschauung unter Zionisten ze gt. Wie vermag aber Witkowsky diese Auffassung als die Anschauung derer um Blumenfeld zu kennzeichnen! In dem Auszug aus meinem Referat im J. St. heißt es auf Seite 332 „Alle korporativen Schranken fallen lassen, die eine innige Berührung mit östlichen Jud.n hemmen. Wenn auch der Zionismus die östlichen Juden umformen muß wie die westlichen, bis sie wahre Bürger des jüdischen Landes werden, so wird er dieses Werk an unvergleichlich mehr Juden im Osten zu vollbringen vermögen als an deutschen Zionisten. Wir bleiben eine geringe Zahl." Sind diese Sätze rnißzuverstehen? Mit welchem Recht Witkowsky die Wirkungen, die ich durch die Beschäftigung mit der Vergangenheit unseres Volkes für unser jüdisches Leben erwarte, als deutsch-romantisch hinstellt, mögen folgende Sätze meines K. j. V.-T3gs-Referats zeigen : „Den Willen zur jüd'schen Form immer wach halten, aber nie künstlich innerlich Ueberwundenes pflegen, besser formloser Expressionismus als öde Imitation." Ferner: „Das Lesen der Bibel kann vieles ersetzen, was wir Theorie des Zionismus genannt haben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.