Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- 16. Kriegsheft (Juni 1917)
- Date
- 1917-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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476 Der Jüdische Student Empfinden zur Bewußtheit erhoben, glaubten das Mißverhältnis zwischen der Kläglichkeit ihrer politischen Gegenwart und der Machtfülle vergangener Zeiten nicht ertragen zu können . . . ihrem hochgeschraubten Gefühlsleben schien das Mittelalter,, dessen Daseinsbedingungen längst geschwunden, wieder lebendig7 geworden zu sein." Glaubt Witkowsky wirklich, damit das« Wesen der deutschen Romantik in seiner charakteristischen? Form gekennzeichnet zu haben, dann hätte die Romantik rechte die in dem literarischen Kampf am Anfang des 19. Jahrhunderts- Goethe ganz für sich in Anspruch nahm, weil das herrlichste im Faust die Verlebendigung der mittelalterlichen Welt sei. Das Wesen der deutschen Romantik zeigt sich vor allem in einer bestimmten traumhaft lyrischen Gemütsverfassung, die nicht die Realien des Lebens der Vergangenheit, sondern die wunderbare Märchenwelt mondbeglänzter Zaubernacht wieder heraufführen* wollte. Deshalb erschien uns eine Richtung im Blau-Weiß gefährlich, in der die Empfindsamkeit de u tsch er Romantik wieder aufzuleben schien. Der Versuch, sich in die Vergangenheit des eigenen Volkes zu versenken, ist allein noch nicht ein Kennzeichen für die Verwandtschaft mit der deutschen Romantik, er ist vielmehr das Kennzeichen jeder Nationalbewegung, die wir kennen. Die Natiunalbewegung jedes Volkes hat in die eigene Vergangenheit Licht gebracht und den Tagen der Vorzeit neuen Glanz verliehen. Die echte nationale Bewegung schafft durch die Belebung der Erinnerungen neues Leben. Die Renaissance wird doch auch gew»ß Wukowsky ais eine der schöpferischsten Zeiten erschienen sein, und gerade diese Zeit der Wiedergeburt der freien Persönlichkeit begann damit, daß sie nur Wiedererweckung des Alten sein wollte. „Was die Italiener des ausgehenden Mittelalters noch zusammenhielt, war einzig das Band der Sprache. Das Fundament seiner Kultur, das staatliche Band, war mehr als ein Anachronismus, war Vergangenheit,. Staub und Asche. Je mehr ihm der Boden unter den Füßen zu wanken schien, desto lebhafter erneuerte sich ihm die Erinnerung an die antike Größe. Kein einsichtiger Kopf leugnet den Verfall, aber man glaubt, ihm durch die Wiedererweckung der Alten zu steuern u So gibt Richard Fester in* seinem „Maccniavelli" einer durchaus unbestrittenen Meinung Ausdruck. Die Romantik, unserer jungen Zionisten soll sich nun darin äußern, daß sie durch Wanderfahnen nach Polen und Lesen hebräischer Zeitungen jüdisch werden wollen. Wenn junge Zionisten dieser Überzeugung sind, so kann man diese Ansicht für falsch halten; warum man in ihr eine verblüffende Aehnlichkeit mit dem Geist der deutschen Romantik zu finden vermag, ist unerfindlich. Anscheinend hält Witkowski jede Romantik für eine schädliche und zu überwindende Richtung. Romantik,, die dadurch die unbefriedigende Welt des Seins überwand, daß sie