Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- 15. Kreigsheft (Mai 1917)
- Date
- 1917-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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458 Der Jüdische Student ganz verborgene Tiefen in sich trug, fühlte, daß immer noch etwas Anderes und Ernsteres unter dem stillen Lächeln lag, mit dem er aus lieben Augen auf uns schaute : Er war im eigentlichen Sinne keine Glücksnatur, kein Mann des sieghaften Lachens. Ich glaube, das Rätsel seines Lebens zu lösen, wenn ich sage : Emanuel Edelstein war ein keuscher Mensch: Großer Gefühle fähig, aber unfähig sie zu zeigen; überreich an innerem Feuer, aber unsäglich arm, weil er sich schämte, feurig zu scheinen; tief religiös, aber ängstlich, dafür zu gelten. Er trug alles in sich und verwand alles in sich. So stand er sich nur zu oft selber im Lichte. Wäre er anders gewesen, er wäre vielleicht ein Mann von Ruhm geworden, denn er war ein Mann von wahrhaft glänzenden Gaben. Was er immer in sich trug, es war pures Gold, und wie er immer wurde, er wurde und war eine Volinatur. Alles Edle und Reiche aber, daß seine große Seele barg, fand sich in einer Eigenschaft, die ich über alles preisen muß : Seiner -vollkommenen Selbstlosigkeit. Welch ein Arzt und weich ein Mensch! Wo hörte der Arzt auf und wo begann der Mensch? Wir wissen es nicht, es war alles ein und dasselbe! Alles an ihm war Hingabe, Hingabe an die Kranken und die Armen, denen er nicht nur leiblich, sondern auch seelisch zu helfen wußte. Und alles war selbstverständlich an ihm Welch ein Mensch und welch ein Freund 1 Der hier steht, -muß schweigen, denn er hat selbst dieser Freundschaft über^ reiches Maß an sich erfahren. Das ist das Geheimste, das ungesagt bleibt und bleiben muß, und von dem ich doch fühle, daß es jeden unter uns auf gleiche Weise bewegt. Auch in seiner Freundschaft, die sich niemals in Worten, immer nur in Tat und.Tatbereitschaft äußerte, waltete jene gleichmäßige Selbstverständlichkeit, hinter der sich alle Gefühle bei ihm verkrochen. So war es schließlich auch nur eine der großen Selbstverständlichkeiten seines Lebens, daß er, als das Vaterland rief, mit hinauszog und sich dem Dienste der Verwundeten weihte, und wieder nur natürlich, daß er es auf dem vorgeschobensten Posten, im Seuchenlazarett der russischen Sümpfe, tat, solange tat, bis er nicht mehr konnte, und nun an den Folgen zusammengebrochen ist. Allen konnte er helfen, nur sich selber nicht.