Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- 15. Kreigsheft (Mai 1917)
- Date
- 1917-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3537599-3537721-3537723--3916-3541656- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
456 Der Jüdische Student vom nationalen Judentum als allein richtig und notwendig erkennen und im Zionismus das einzige Mittel zur Erhaltung und Neubelebung des jüdischen Volkes sehen, aber das Einstellen seines Gedanken- und Empfindungslebens fiel ihm so schwer, wie vielen von uns, die aus ähnlichen Verhältnissen kamen. Weil Hans Cohn noch kein fertiger Volljude war, weil er gegen bisherige Gewohnheit und Erziehung kämpfen mußte? weil er noch nicht unerschütterlich auf dem Boden der Parteirichtung stand, weil er mit und gegen sich ringen mußte und mit Problemen noch nicht fertig war, die von Aelteren und Größeren ebenfalls noch nicht überwunden sind, ja für die es überhaupt keine absolute Lösung gibt, — deshalb war er uns kein schlechterer, kein weniger wertvoller Bundesbruder. Er war noch jung und noch in der Entwicklung, aber er war begeisterungsfähig und fest entschlossen, nach seinen Kräften mitzuarbeiten. Wir schätzten ihn, weil er mit sich rang und ehrlich nach einer festen Gestaltung seines Lebens suchte. Es war ein Vorzug seines Charakters, daß er so viel Selbsterkenntnis besaß, zu wissen, er, mit seinen 23 Jahren, könne keine grundlegenden Prinzipien für unsere Jugenderziehung aufstellen, und so viel Takt, nicht jeden ihn beschäftigenden Gedanken ium Gegenstand programmatischer Erörterungen zu machen. Er war nicht schöpferisch und auch nicht gerade energisch, aber ein Mensch von gesundem Urteil, wie man ihn im Leben braucht. Im Rahmen eines klaren, fest umrissenen Systems leistete er gern alles, was erforderlich war. Mehr zu natürlicher praktischer Tätigkeit neigend, lehnte seine Natur sich gegen theoretische Diskussionen auf. Ein anhänglicher Kamerad und Bundesbruder, stets hilfsbereit und liebenswürdig, heiter und oft bis zum Leichtsinn übermütig, liebte er geselligen Verkehr. Wer ihn genauer kannte, schätzte seine herzliche Anhänglichkeit ^an die Verbindung und den Einzelnen, wer seine rührende Hingabe an seine Mutter sah, wußte, Was für ein guter Kern in dem Jungen steckte. jetzt liegt er da draußen. Niemand kennt sein Grab. Keiner weiß, ob er überhaupt ein Grab fand. In dem berüchtigten Walde von Delville, nordöstlich Longueval, ist er gefallen. Seine Todesahnung hat sich erfüllt. Erich Sied n er