Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- 15. Kreigsheft (Mai 1917)
- Date
- 1917-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jüdische Student 443 weit, daß man die Bibel und hebräische Zeitungen oder Bücher lesen kann — früher mußte man auch hebräisch sprechen können und gab es natürlich nur die Methode ibrith be ibrith — und die Gewinnung des Zusammenhanges mit dem jüdischen Volk im Osten. W o 11 s t e i n s Artikel enthebt mich der Aufgäbe, diesen letzten Programmpunkt zu erörtern und der Frage näher zu treten, ob nach dem Kriege — wenn wir nicht mehr Bestandteile eines erobernden Heeres sind — eine Betätigung der Unsrigen dort möglich oder gar zweckdienlich wäre. Eine Ostjüdin in Palästina heiraten und dort als Bauer in einer Kolonie leben, das ist, wie W oll stein ehrlich bekennt, einzig und allein konsequenter Zionismus. Diese Lösung kommt nur für ganz wenige in Betracht, die andern Juden des Westens müssen für ihre eigene Person resignieren und — Kompromisse schließen, ganz wie es vordem war. Das ist ein etwas trauriger und nüchterner Ausgang dtr Palästinadebatte für die Stürmer und Dränger, deren Mut und Überzeugungstreue ich durchaus achte und hochschätze. Aber liegt denn wirklich ein Anlaß vor, hinsichtlich des Zionismus, seiner Ausbreitung und seiner tatsächlichen Erfolge pessimistisch zu urteilen? Ich kann die Frage nur aus tiefster Überzeugung heraus verneinen. In der knappen Spanne Zeit von zwanzig Jahren — etwa achtzehn davon erlebe ich schon mit Bewußtsein und Anteilnahme — ist ungeheuer viel in Palästina und in der Diaspora geleistet worden mit den wenigen zur Verfügung stehenden Kräften und den, ach so winzigen Mitteln. Welch unbeschreiblicher Un erschied zwischen den unbedeutenden Konventikeln etwa um 1900 in Berlin und der umfassenden Organisation der heutigen B.Z. V.! Damals eine Bewegung, welche noch kaum unseren jüdischen Gegnern der Bekämpfung wert erschien, heute ein Faktor,* der selbst mitten im größten weltgeschichtlichen Vorgang sich ständig zunehmender Beachtung in allen politischen Lagern Deutschlands erfreut. Hand in Hand damit geht die Ausbreitung zionistischer Oedanken, die Schöpfung einer wahrhaft jüdischen materiellen und geistigen Kultur auf dem Boden Palästinas. Nur wer mit eigenen Augen das Jerusalem von einst und in sagen wir Dagania und selbst dem in mancher Hinsicht anfechtbaren Tel Awiw das Palästina von heute gesehen, vermag den Wert des dort Neugeschaffenen zu ermessen. Gewiß sind hier in organisatorischen und Erziehungsfragen, $lort in mangelhafter Fundierung und übereilter Entwicklung so manche Fehler begangen worden; doch dergleichen ist ja in einer jungen Bewegung und auf kolonisatorischem Neuland selbstverständlich. Unendlich viel an Vorbereitungsarbeit an den Menschen — die Nationalisierung der Jugend zumindest — und im Lande — seine Erforschung und Urbarmachung, die Schaffung