Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1917-05-01 · 15. Kreigsheft (Mai 1917) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
14 (1917-1918)
Issue
15. Kreigsheft (Mai 1917)
Date
1917-05-01
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3537599-3537721-3537723--3899-3541639
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der Jüdische Siudent 439 politische Rückständigkeit, die zu erhalten weder in der Richtung unserer Wünsche noch in unsern Kräften liegt, daß andrerseits der Wunsch des Westjuden, jenem gleich zu werden, romantischen Gepräges ist. Was aus der jüdischen Naivetät wird, sobald sie vom Hauche der modernen Zeit umweht ist, lehrt uns die ach so trostlose neuere Geschichte der jüdischen Wanderung. Ich glaube, gezeigt zu haben, wie sich mir das wechselvolle Bild des Golus darstellt. Golus heißt und bleibt Zerstreuung. Seine Verneinung Sammlung oder Zionismus. Das aber ist ein endloses Ziel, nicht für unser Geschlecht und auch nicht für unsre nächsten Nachkommen erreichbar. Wir gehören zu den Völkern, die Träger ungelösten, vielleicht unlösbaren Leides sind. Zwei Jahrtausende haben unsere Väter auf den Erlöser gewartet, so wurde in ununterbrochenem Leid ein Geschlecht Brücke des andern. Auch wir harren des Befreiers und wollen an Tragsamkeit der Seele, nicht hinter unsern Vorfahren zurückstehen. Den inneren Zwiespalt müssen wir als die Tragik unsers Seins erkennen und erdulden lernen, unser Leben aber —- und das ist rechte Golusarbeit — mit Jüdischem so ausfüllen, daß wir die Brücke immer fester gestalten, die einst unser Volk ins verheißene Land führt. Ich überlasse es andern, zu entscheiden, ob diese Art von Zionismus, der in der Tat nur eine Provinz meiner Seele bedeutet, weil ich ihre übrigen Inhalte nicht ausschalten oder gar verleugnen kann, eine mindere Entwicklungsstufe darstellt gegenüber dem Zionismus derer, die den Willen für die Tat setzen, die bestrebt sind, Palästina „in ihr Lebensprogramm aufzunehmen", und mit dieser Willensbekundung bereits ein Werk vollbracht zu haben glauben. Jedenfalls bestreite ich einen Wertunterschied. Ich beuge mich vor jedem Zielbewußten, der nach Erez Israel geht, um dort ein jüdischer Mensch zu werden, in ihm sehe ich den Zionisten höherer Art. Wer dagegen Palästina in „sein Lebensprogramm aufgenommen hat," inzwischen aber Tag für Tag sich von deutscher Umgebung beeinflussen läßt, im Beruf, in der Gesellschaft, in allen kleinen Vorgängen des täglichen Lebens, sich auf die augenblicklichen Schwierigkeiten beruft und inzwischen der Weit ihren Lanf läßt, nicht erkennt, daß die Unbedingtheit keine Hindernisse gelten läßt und bereit sein müßte, alle europäischen Genüsse dem zwar kümmerlichen, aber nationalen Landarbeiterdasein — es gibt noch genug arabische Hände, die durch jüdische zu ersetzen sind — bedenkenlos und ohne Zögern zu opfern, der hat vor uns nichts mehr als die große Geste voraus. Wenn das als Vorzug gilt, so will ich ihn gerne gelten lassen. Im übrigen aber liegt, was uns trennt, auf anderm Gebiete. Nicht die Weltanschauung ist es, die, wie Holdheim meint, uns scheidet, sondern in erster Reihe die Wesensversehiedenheit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.