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Der jüdische Student · 1917-05-01 · 15. Kreigsheft (Mai 1917) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
14 (1917-1918)
Issue
15. Kreigsheft (Mai 1917)
Date
1917-05-01
Page
[Seite] (sequence 12)
Language
German
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438 Der Jüdische Student Aufenthalt in Polen — warum nur in Polen? — ein Gemeinschaftsleben, das „uns zu ganzen Juden wird machen können". Ich habe es nicht nötig, gegenüber einer derartigen Verkennung der Wirklichkeit, mich auf die Autorität Herzls zu berufen. Es genügt wohl, auf Wollstein hinzuweisen, der in derselben Nummer des J. St. solche Vorschläge und Hoffnungen grotesk nennt. In der Tat, was muß das für ein vollsäftiges Judentum, ausgerechnet in Polen, sein — hätte H o 1 d h e i m wenigstens Litauen oder Südrußland genannt! —, durch dessen Berührung auf Wanderfahrten oder nach mehrjährigem Aufenthalt wir zu ganzen Juden werden, alles Unvollkommene und Problematische wie Schlacken von uns fällt. Nur einem romantischen Gemüte, dem schon der heiße Wunsch zur Wirklichkeit wird, kann ein solches Gesamtbild der jüdischen Lage sich darbieten. Wir andern, sagen wir, minderer Gemütsart, haben uns von dem gewiß verlockenden, romantischen Ideal des Ostjuden frühzeitig befreit. Wir können über das Europäische, Allzueuropäische, das den Ostjuden ebenso wie uns in seinen Bann genommen hat, nicht hinwegsehen. Seien wir uns der gewiß schmerzlichen Tatsache bewußt, daß der Zionismus in Rußland, geschweige denn in den andern Ländern des Ostens kaum mehr als die Rolle einer Sekte spielt. Ich weiß, man wird mir entgegenhalten, daß ich die zufälligen, äußeren Umstände, die einer Organisierung der Kräfte entgegenstehen, mit dem wahren Wesen der Dinge verwechsle und die wichtige Tatsache verkenne, daß ein Millionenvolk: auch ohne Zionismus national ist. Es ist mir natürlich bekannt, daß es im Osten ein jüdisches Gemeinschaftsleben gibt, das uns verschlossen ist. Ich habe während der Brussilow-Offensive Monate lang in Galizien geweilt und mehr gesehen, als sich dem Auge des Wanderfahrers bieten dürfte. Tief haben sich in mein Bewußtsein die Tage eingeprägt, die ich in P o h h e i c e, einem chassidischen Städtchen, verleben durfie. Erschüttert stand ich vor einem Stück jüdischer Geschichte, noch lebend und doch mit allen Merkmalen des Niedergangs behaftet. Wie konnte aber solches Erleben anderes erwirken, als die Sehnsucht nach neuem Werden, nach Ueberwindung des Golus. Ich weiß auch, daß es ein modernes jüdisches Leben gibt, mit Bundismus, jiddischem Theater,, Intellektualismus russischer Prägung. Aber selbst, wenn ich in 4er Lage wäre, meine Wesensart, ererbt und erworben, gegen eine am slavischen Geiste orientierte Jüdischkeit einzutauschen,, bo könnte ich mich nicht dem Wahne hingeben, ein ganzer Jude geworden zu -sein|; Ich hätte sonst ein Ziel vorweg genommen, daß erst der |riühseligen Arbeit von Geschlechtern sich erfüllen kann. Wie könnte ich ferner leugnen, daß die Antwort des schlichten Mannes: „Ich bin a Jd" etwas Herzerquickendes hat! Ich bin mir aber auch bewußt, daß; einmal diege Art von natürlicher Jüdischkeit gebunden ist.an eine wirtschaftliche und

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