Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- 15. Kreigsheft (Mai 1917)
- Date
- 1917-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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,436 Der Jüdische Student die auf organischer Entwicklung beruhendeZukunft unserer heiligen Sprache im Lande der Väter glaubte und im Hebräischen nicht unser kostbarstes Gut sähe. Das mag man einen Zionismus minderer Art fiennen, ich werde mich mit diesem Urteil abfinden müssen, da es mir nicht gegeben ist, vor der Wucht der Wirklichkeiten mich än eine Welt des Scheines zu flüchten. Ich kann mich auch nicht davon überzeugen, daß für die um Zwirn Herzl zu früh gestorben sei, selbst wenn dieser Oedanke dem Kopfe Erich Cohns entstammt, und hafte sklavisch am „unvollendeten Herzl", wie Holdheim sagt, der nach seiner Ansicht der wegweisenden Jugend gefolgt wäre, wenn er sie erlebt hätte. Ob diese Vermutung richtig ist oder nicht, kann leider auf exakte Weise nicht mehr entschieden werden. Doch gibt es auch eine indirekte Beweisführung. Es ist mir nicht zweifelhaft, daß die deutschen Romantiker den großen Meister Goethe, wenn ihn ein furchtbares Geschick auf dem Zenith seines Lebens der Menschheit - entrissen hätte, für sich und ihr Streben in Anspruch genommen hätten. Ihm ward indessen ein reiches und langes Leben beschieden, aber sein Glanz erleuchtete nicht das märchenhafte Dunkel seines Vaterlandes, und erst einem späteren Geschlecht war es vergönnt, die reiche Lichtfülle in sich aufzunehmen. Seinen romantischen Zeitgenossen war die edle Einfachheit zu arm, je ungebändigter das Gefühl, um so unklarer, verworrener mußte der Ausdruck dieses Empfindens sein, In Herzl sehe ich den zionistischen Klassiker. Hier ist alles auf den prägnantesten, einfachsten Ausdruck gebracht. Gemütstiefe und Fülle der Phantasie, aber beides gebändigt von einer prüfenden Besonnenheit. Sie macht ihn zum Staatsmann und Propheten, sie schied ihn vom Projektenmacher und Sektierer. Wer heute zionistische Gedanken in Herzischer Schlichtheit und Prägnanz in die Welt setzte, dürfte kaum Eindruck auf die Jugend machen, die nach dem Dunkeln, dem Verknäuelten verlangt, denen die gedankliche Verworrenheit erst die Ausschreitungen des Gefühls ermöglicht, die es in ihrer Zwanzigjährigkeit zu Wege bringt, von dem „unvollendeten Herzl" zu sprechen, weil es dem Armen nicht vergönnt war, die -- sage und schreibe — zwölf Jahre mitzuerleben, in der diese Jugend dem Knabenalter entwuchs. Verlangt Ihr von uns Alten, daß wir bei aller Bewunderung für das treffsichere, keinen Widerspruch duldende Urteilsvermögen Erich Cohns in dem Worte vom „unvollendeten Herzl", der erst den alten und den neuen Blumenfeld hätte erleben mü&sen, um seiner Vollendung entgegenreifen zu können, der uns, von der Gruppe Zwirn, zu früh gestorben sei, — fordert Ihr, daß wir in diesem Wort etwas anderes sehen, ats eine knabenhafte Betrachtungsweise, die sich als Mittelpunkt des Ganzen sieht, ohne Sinn für Proportionen und Abstände? Halt, wer seid Ihr, junge Freunde, und was habt Ihr außer Eurer Jugend, das Euch