Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- 15. Kreigsheft (Mai 1917)
- Date
- 1917-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Der Jüdische Student 435 wir— in Maximilian Harden. Ich halte beide für ebensoviel und ebensowenig autochthon jüdisch, und jenen ebenso sehr von slavischer Kultur beeinflußt, wie diesen von deutschem Denken geformt. Rabbi Nachman hat seinen Anhängern geboten, vom Orte der Einsamkeit, nur in der Sprache, in der man spricht, d. h. jüdisch-deutsch, zu beten. „Denn in der heiligen Sprache hält es schwer, das ganze Gespräch auszudrücken. Auch wird das Herz von diesen ungewohnten Wörtern nicht angezogen, da wir nicht gewöhnt sind in der heiligen Sprache zu sprechen. Denn betet man in der Sprache, in der man spricht, dann haftet das Herz fest an den Worten des Gebets und man heftet sich viel fester an Gott." (Der Jude Heft 10, S. 655.) Sprachen nicht auch mit den gleichen Worten unsere Liberalen zu uns, denen der deutsch - protestantische Chorgesang dasselbe wurde, was jenen die kleinrussische Melodik war? Mich zwingt die Erkenntnis der Tatsachen, im „jüdischen Menschen" wohl das Ideal, aber keine Wirklichkeit zu sehen. Ist übrigens in unsern Romantikern schon die Frage laut geworden, ob die hebräische Sprache, wenigstens in ihrem jetzigen Gewand, überhaupt geeignet ist, adäquater Ausdruck europäischen Denkens in dem Maße zu werden, daß sie jeder Kultursprache wenigstens ebenbürtig ist? Wer von den jungen Hebraisten bereits den Uebergang vom Rath zum Chomesch vorgenommen hat, wird zunächst mit einem gewissen Erschrecken wahrgenommen haben, daß ergleichsam einer neuen Sprache gegenübersteht Allmählich wird ihm die Erkenntnis dämmern, daß die grandiose Schlichtheit der Syntax den vollendetsten sprachlichen Ausdruck für die erhabene Größe unseres Volkes ermöglichte, daß sie aber derselben Sprache den Charakter des Unentwickelten und Rückständigen verleiht, sobald diese zum Ausdruck moderner Gedanken oder Vorgänge dient. Ein ausgezeichneter ostjüdischer Hebraist bestätigte mir diese Erfahrung. Er glaubt, daß Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte vergehen müßten, ehe die Sprache analog dem Arabischen, unter dem Einfiuß einer ungestörten nationalen fcntwickelung in Erez Israel jene Flexibilität erreicht hätte, die sie als Ausdrucksmittel moderner Menschen mit den Sprachen unserer Kulturepoche weiteifern ließe. Ich möchte endlich diese Betrachtung des Hebraismus mit der Erwähnung der ganz banalen Tatsache schließen, daß unsere nationale Sprache, die von der Mehrheit des jüdischen Volkes gesprochen wird, die jüdische ist, nicht die hebräische, in der kaum 5% sich auch nur notdürftig ausdrücken können. Gegenüber der Verleugnung von Wirklichkeiten durch unsere Romantiker ist es notwendig, auf hundertmal Gesagtes, wiederum hinzuweisen. Ich wäre aber kein Zionist mehr, wenn ich nicht an