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Der jüdische Student · 1917-03-01 · 14. Kriegsheft (März 1917) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
14 (1917-1918)
Issue
14. Kriegsheft (März 1917)
Date
1917-03-01
Page
[Seite] (sequence 45)
Language
German
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Der Jüdische Student 423 meinsame Tat. Wer nicht handelt, wie er redet, der denkt auch nicht, wie er redet. Wo das Judentum werktätig in Erscheinung tritt, dort schwinden die künstlichen Schranken zwischen den Gruppen. Es besteht z. B. — von dieser höheren Warte aus gesehen — ein wesenhafter Unterschied zwischen dem im östlichen Lager so oft mit Geringschätzung angesehenen orthodoxen Juden aus Frankfurt a. M. und dem gesetzestreuen Juden ausWilna ebensowenig wie zwischen dem Zionisten in Ost und West. Alles übrige ist lediglich unwesentliches Beiwerk, das in seinem Milien seinen bedingten Wert, mit rein jüdischer Wesensart aber nichts zu tun hat. Auch die Kenntnis der hebräischen Sprache, von so grundlegender Bedeutung sie auch für die Erfassung alles Jüdischen sein map, ist nicbt das einzige Kriterium des wahren Juden. Meines Erachtens sind ein Jakob Wassermann und ein Max Brod — jeder in seiner Art —, in ihrem Fühlen und Denken viel jüdischer als so mancher hebtäisch schreibende Schriftsteller. Vielleicht ist hier ein psychologisch fein empfundener talmudischer Ausspruch zutreFfend: Bimkom scheba alej teschuwa omedim ejn zadikim gemurim jechoiim la-amod. (Auf der Stufe der reumütig Zurückkehrenden stehen nich? einmal die vollendetsten Zaddikim.) Wenn die Ostjuden mit Recht auf ihren intensiveren jüdischen Lebensinhalt hinweisen, so darf nicht übersehen werden, daß derselbe nicht ein Produkt ihrer stärkeren nationalen Lebensbejahung, sondern vielmehr eine Fjlge des Zusammenlebens in mehr oder weniger homogenen Massen ist; die stärker jüdisch nuanzierte Erziehung ist nur in der Atmosphäre ihres national reicheren Lebens möglich, das voa jüdischem Geiste geschwängert ist. Ein paralleler Unterschied ist z. B. auch in Palästina wahrzunehmen. Trotzdem beide Siedlungen von Ostjuden bewohnt sind, ist das nationale Leben in Rischon-le-Zion doch nicht gleichartig mit jenem in Sichron Jaakob. Auch Gefühl und Empfinden wollen geübt werden, sollen sie nicht verdorren, und die Massenwirkung ist hier ein wichtiger Faktor. Auch im Osten artet manches zum wesenlosen Schein, zur „Zeremonie der leeren Formalität" aus, mit welcher Phrase so gern das Wesen des Westjudentums abgetan wird. Wenn es so oft vorgekommen ist, daß hebräiscne Schriftsteller ihren eigenen Kindern keine nationale Erziehung gegeben, ja sie sogar nicht einmal vor völliger Volksentfremdung zu bewahren vermochten, so ist dies eine zumindest so bedauerliche Er.-cheinung wie die Assimilation in den westeuropäischen Großstädten, weil diese nur allzu sehr von den äußeren Verhältnissen begünstigt wird, während das Volksleben im Osten einen starken Rückhalt für oie Abwehr gegen alle assimilatorischen Einflüsse bildet. Dessenungeachtet ist es nur eine allzu häufige Erscheinung, daß die Kinder, speziell die Töchter von strenggläubigen Chassidim in West- Galizien, wie in Russisch-Polen, geradezu zu Agitatoren der nationalen Fahnenflucht werden. Wenn vielleicht dennoch ein Merkzeichen für den Unterschied zwischen hüben und drüben festgestellt werden kann, so darf es durchaus nicht in der Chankteranlage, sondern im Temperament gesucht werden. Hierfür ist aber eine hinreichende Erklärung der Hinweis auf die nichtjüdische Umgebung. Der Ostjude ist im allgemeinen mehr Temperamentmensch, lür eine neue Idee leicht begeisterungsfähig, aber auch geneigt, sein ideal leichter zu wechseln, wie die iussische Revolutionszeit nur allzu oft gezeigt hat. Im Gegensatze hierzu steht die parteiliche Beharrlichkeit des Westjuden, der sich viel schwerer überzeugen läßt, aber an einem?ls richtig anerkannten Standpunkte mit einer gewissen Zäaigkeü und Ausdauer festhält. Hier das starre System einer verstandesmäßtg verankerten Ueberzeugung, dort das für cen Reiz der Neuheit v el empfänglichere bildsame Gemüt. Den Ostjuden wird oft der Vorwurf einer gewissen Superklugheit gemacht, die fälschlicherweise als Produkt cies Talmudstudiums hingestellt wird, während andererseits der Ostjude an seinem westlichen Volksgenossen Mangel an Innigkeit und eine allzu seichte Auffassung nationaler Lebens-

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