Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- 14. Kriegsheft (März 1917)
- Date
- 1917-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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422 Der Jüdische Student AUS DER PRESSE In dieser Rubrik sollen gelegentlich bemerkenswerte Artikel und .Mitteilungen von besonderem Interesse für uns, die man nicht als allgemein bekannt voraussetzen darf, abgedruckt werden. Hinweise und Einsendungen werden mit Dank begrüßt. Aus der "Selbstwehrc< vom 9. Februar 1917 Judentum in Ost und West*) Der maßlose Ostjudenkult, der seit einiger Zeit von berufener und unberufener Seite mit überschwänglicher Geschäftigkeit getrieben wird, fordert eine nüchterne Betrachtung dieses Teilproblems der Gesamtjudenfra^e in ihrem Verhältnis zu den sonstigen Problemen des jüdischen Lebens heraus. Vor allem muß auf die Gefahr lür eine ernste sachliche Behandlung der Materie hingewiesen werden, welcre daraus entspringt, daß auch außerhalb der jüdischen Presse das Ostjudentum zum Gegenstande einer .Modeliteratur zu werden droht. Es soll hier nicht der hohe nationale Kultur wert des Osi Judentums in Frage gestellt, es sollen auch mcht geflissentlich Mängel des Westjudentums verhehlt Aierden. Aufgabe tiner objektiven Wertung soll es vielmehr sein, Licht und Schatten richtig zu verteilen. Nichts wäre verfehlter, als «ich von engherzigen parteiischen Anwandlungen bestechen zu lassen. Eine große Gefabr besieht in dem Hang zur Verallgemeinerung, welcher sich leicht dazu verleiten läßt, individuelle Eigentümlichkeiten für typisch zu er- Mä«en. (Vgl. Achad Haam, IL Bd. Alila'h hadam.) Durch die unausgesetzte herabwürdigende Gegenüberstellung könnte die Annahme einer kulturellen Minderwertigkeit der Westjuden zum Axiom werden. Wir sind, speziell im Galuth, nicht absolute Herren unseres Schicksals. Neben dem geschichtsgestaltenden Volks willen entscheiden auch die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse. Die Ostjuden dürfen sich deshalb auf ihre „Jüüischkeit" nicht gar so viel zugute tun. Ist -es doch nur ihr Milieu, welches eben dank dem Zusammenleben der kompakten jüdischen Massen eine jüdische Erziehung ermöglicht. Andererseits -darf nicct übersenen werden, daß die Westjuden unter dem nivellierenden -Einfluß ihrer Umgebung ihrem Volkstum vielfach entfremdet werden. Damit soll aber nichi gesagt sein, caß der Oestier das Judentum für die Dauer in Pacht genommen hat, so daß der Westler es aus seinen Händen erst zu Lehen nehmen müßte..... Der Jude, ob nun der des Ostens oder jener des Westens, der zu seinem Volkstum zurückkehrt und damit zur Erkenntnis dessen gelangt, was ihm bisher abgegangen ist, braucht nicht Mutier und Missionäre, um Volljude zu werden; denn unser Judentum ist weder ausschließlicher Besitz einzelner Auserwählter, noch auch Eigentum eines bevorrechtigten Volksteiies. Hat es ja seinen reicsten Niederschlag in seinem alten und neuen Schrifttum gefunden und ausschließlich von dort ist es für jedermann zu holen. Selbstredend will das Jtdentum nicht nur erlebt, sondern auch gelebt werden — denn Kultur ist mehr als bloße Ansichtssache, sie ist auch leoendige, fortwirkende Tat Leider ist uns im Galuth die unmittelbare Aktivität versagt; im Gesamtjudentum, sowohl im zionistischen als auch im .nichtziomstischen Lager, wird mit dem Reden über jüdische Dinge das Ding an sich abgetan; über dem Denken und Studieren steht die befreiende ge- *; Der Artikel betrachtet das Problem Ost und West von einem anderen Standpunkte als dem üblichen und scheint mir deshalb beachtenswert. Der Werf asser ist ein in Palästina lebender Ostjude. ec.