Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- 14. Kriegsheft (März 1917)
- Date
- 1917-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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410 Der Jüdische Student für unsere Pflicht halte. Viel Verbitterung zwischen deutschen Soldaten und Beamten einerseits und Juden andrerseits ist übrigens auf sprachliche Mißverständnisse zurückzuführen. Zu dieser Ueberzeugung komme ich immer mehr, da ich sehe, daß selbst ich trotz meiner Kenntnis des Hebräischen und längeren Aufenthalts im Osten oft genug die hiesigen Juden mißverstehe, weit häufiger noch von ihnen mißverstanden werde. Eine ganze Anzahl von deutschen Worten, besonders mit Präpositionen zusammengesetzte Zeitwörter, haben eben im Jüdischen eine andere Bedeutung gewonnen oder sie sind durch entsprechende slavische Worte ersetzt worden. Selbst ein Melamed, ein gescheiter und von Liebe zu seinem Beruf erfüllter Mensch, dessen Cheder ich häufig besuchte, sagte mir, ohne daß ich ihn darauf hinwies — mir war es bereits aufgefallen —, daß er selbst für zahlreiche hebräische Worte nicht die deutsche Uebersetzung kenne und diese Worte daher beim Lernen entweder durch dasselbe oder ein anderes hebräisches Wort (z. B. „Schofet" nicht durch „Richter", sondern durch „Dajan") wiedergebe. "Die jüdische Masse — nur auf diese beziehen sich ja die Abhandlungen im J. St. und nur an ihr werden die auf den ersten Blick unangenehmen Wahrnehmungen gemacht — ist nicht nur aus Ueberzeugung, sondern aus Selbstverständlichkeit nationaljüdisch, in Galizien aber weniger als in Rußland zionistisch. Während ich in Rußland mehrfach begeisterte Vereinigungen der Jugend vorfand, die den Zionismus, die neuhebräische Sprache und jüdische Kunst durch Vorträge, Kurse und Bibliotheken pflegten, habe ich bisher in ostgalizischen Kieinstädten vergeblich nach derartigen Einrichtungen gefragt, wiewohl doch hier von Seiten der Regierung kein Hindernis .zu erwarten ist. In dieser Beziehung wäre hier viel zu arbeiten, und man muß sich wundern, daß sich die österreichischen Gesinnungsgenossen dieser Aufgabe nicht hinreichend unterzogen haben. Nicht völlig zustimmen kann ich dem Vorwurf der J. St.- Redaktion, daß die abfälligen Urteile von Bundesbrüdern über -die Ostjuden auf eine verfehlte Erziehung im K. J. V. zurückzuführen seien. Es kommt nämlich sehr darauf an, mit welchen Teilen der Ostjuden Bundesbrüder in Berührung gekommen sind, d. h. ob sie sich nur in Großstädten und da vielleicht nur kurze Zeit aufgehalten haben oder ob sie auch die kleineren Städte und das platte Land kennen gelernt haben. Die letztere Art von Bundesbrüdern habe ich immer nur mit Liebe von den Ostjuden sprechen hören. Bei den anderen dagegen fand ich es nicht verwunderlich, wenn sie besonders in der ersten Zeit über den moralischen Tief- -stand der jüdischen Masse klagten, weil sie eben nur das