Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- 14. Kriegsheft (März 1917)
- Date
- 1917-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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388 Der Jüdische Student hinauskomme. Ich kann mir das vorstellen, will aber nicht verhehlen, daß ich für meine Person von der mangelnden Brüderlichkeit so lange reden werde, so lange wir nicht in diesem Punkte wieder zu besseren Zuständen gelangt sind. Wir wollen doch kein Verstecken vor einander spielen, lieber Erich Cohn. Der Vorwurf, den wir erheben, richtet sich doch in der Hauptsache gegen Dich und die Dir am nächsten stehenden Bundesbrüder (Loewenstein, Weitzmann und bis zu einem gewissen Grade auch gegen Felix Rosenblüth und Blumenfeld). Ich weiß, Du wirst mir wieder, wie seinerzeit schon einmal in einer Präsidiumssitzung, darauf mit der Frage antworten, ob ich nicht überzeugt sei, daß Du, wie jeder andere Bundesbruder, jederzeit bereit sein würdest, jedem Bundesbruder zu helfen.*) Ich habe Dir damals schon geantwortet, daß ich davon bei Dir und den genannten Bundesbrüdern durchaus überzeugt bin, und dennoch wiederhole ich gegen Euch den Vorwurf der mangelnden Brüderlichkeit. Denn mir genügt die Dir als Maßstab der Bundesbrüderlichkeit geltende Hilfsbereitschaft nicht. Ich verlange — und glaube, daß das auch die Mehrzahl der Bundesbrüder tut — von einem Bundesbruder, daß er jeden andern mit Wohlwollen und Vertrauen behandelt, daß er in ihm niemals einen Widersacher und Gegner sieht, den er mit Ironie und Hohn und anderen Mitteln des politischen Kampfes und der Dialektik bekämpfen und erledigen und lächerlich machen kann. Ich verlange von jedem Bundesbruder, daß er im Kampfe der Meinungen in dem andern immer den Freund nnd Genossen sieht und niemals vergißt, daß wir nicht nur eine Organisation von Gesinnungsgenossen, sondern auch und vielmehr noch ein Kreis von ganz eng mit einander verbundenen Freunden sein wollen, daß wir unter einander also niemals einen gewissen Grad von Herzlichkeit entbehren können. Den Mangel an solchem Wohlwollen und solcher Herzlichkeit aber werfe ich Euch vor. Soll ich Dir dafür Beweise anführen? Ich denke, daß ich das kaum brauche. Denn die Kette von Verhöhnungen, Verunglimpfungen und Kränkungen von Bundesbrüdern ist leider in den letzten Jahren — auch im Kriege — nicht abgerissen. Nur ein Beispiel; das letzte, das mir persönlich widerfahren und das mir darum besonders stark und verletzend in der Erinnerung geblieben ist. Nach meinen Ausführungen über die Ostjudenfrage auf dem K.J.V.er-Tage rief mir Pelz ungefähr zu: „Bist Du Jude?" und Blumenfeld ging an mir vorüber und sagte unaufgefordert zu mir: „Dir kann ich überhaupt nicht mehr die Hand geben." Wohin geraten wir! Wir sind nicht mehr ein Kreis von Freunden, sondern eine Horde sich wütend befein- *) Womit ich nie den Inhalt der Bundesbrüderlichkeit habe definieren wollen. Erich Cohn