Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- 14. Kriegsheft (März 1917)
- Date
- 1917-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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386 Der Jüdische Student geklagt, daß ihnen der Zusammenhang mit dem pulsierenden jüdischen Leben fehle, daß sie nicht jüdisch genug seien. Ich muß sagen, daß mir persönlich dies nie zum Bewußtsein gekommen ist. In einem streng konservativen Hause erzogen, bin ich von Jugend auf immer gewohnt gewesen, allen Dingen als Jude gegenüber zu treten. Und ich muß als meine schönsten Kindheitserinnerungen bezeichnen die Weihe, mit der in meinem elterlichen Hause die Sabbathe gefeiert wurden, den Glanz und die gehobene Stimmung, die in der Synagoge und im Hause die Festtage begleiteten. So etwas vergißt man nie! Und das ist es auch wohl, was den Bundesbrüdern, die von der Vertiefung ihres Judentums reden, die vom Jüdischwerden sprechen, abgeht. Ich bin weit davon entfernt, aus einem solchen Mangel einen Vorwurf herzuleiten, aber wenn man einmal eine Lücke festgestellt hat — wie das viele Bundesbrüder zugeben — und auch auf dem Wege zur Abhilfe ist — wie es Blumenfelds Vorschläge zeigen — so soll man auch den Mut haben, ganze Arbeit zu machen. Man soll sagen: Geht in die Synagoge, nicht in den liberalen Prunktempel sondern in die alte Schul, in der noch in alter Weise und altem Geist gebetet wird! Macht euren Einfluß geltend in den jüdischen Gemeinden, damit die Tradition weiter gepflegt, die Assimilation zurückgedrängt wird! Es ist falsch, wenn H i r s c h die Arbeit in der Gemeinde als Mittel zum Jüdischerwerden ablehnt. In Berlin wird man vielleicht auch ohne sie auskommen, obschon sie gerade hier die sich darin Betätigenden in die Synagogen und Chewras geführt und sie in Konnex mit allen jüdischen Schichten gebracht hat. Für den K. J.V.-Alten Herrn in der Provinz aber wird sie neben der nicht seine ganze Kraft in Anspruch nehmenden Arbeit in nationalen Organisationen — soweit solche überhaupt in Kleinstädten vorhanden sind — das einzige Mittel sein, mit der Judenschaft in Fühlung zu bleiben, sie zu beeinflussen und auch manches von ihr zu lernen. In letzter Zeit ist es Sitte geworden, alles Heil von den Ostjuden zu erwarten und sie in jeder Weise als Vorbild hinzustellen. Ich bin gewiß der letzte, der den Wert dieser sogenannten Volljuden für die Zukunft unseres Volkes verkennen wollte. Aber man soll nicht vergessen, daß die Masse der Üstjuden jüdisch wertvoll und nur so lange wertvoll ist, weil und wie sie an der Tradition hängt. Oefters schon haben wir die Beobachtung gemacht, daß Ostjuden, sobald sie diesen Boden verloren hatten, fürs Judentum überhaupt verloren waren. Die traditionellen Kaäfte sind aber teilweise im deutschen Judentum auch vorhanden, und hier sind ihre Vertreter häufig nicht mit den moralischen Mängeln behaftet, die viele unserer im Osten gewesenen Bundesbrüder an unseren dortigen Stammesbrüdern feststellen zu können meinten.