Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 13 (1916-1917)
- Issue
- Sommer-Semester (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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36 Der Jüdische Student Die stillen Männer traten heran, schrieben und wurden Menge!. Wie eine leichte Aura umgab sie der Umriß des alten Leibes, phosphoreszierend wie faules Holz; aber den dunkleren Kern gab der Körper, den man ins Grab gelegt zu seiner Zeit. Die Bäuche waren zerfresse«! vom Flecktyphus und ausgehöhlt von Ruhr, ihre Köpfe wiesen Löcher auf vom Geschoß, halbe Schädel hatten Granaten entführt, Arme rr\angelten, Beine, Rippen zerbrochen, drangen aus zerfetzten Uniformen; sie waren mit Verbänden umwickelt, mit Lumpen bekleidet, ohne Stiefel; erloschene Augen blickten düster, von gesenkten Stirnen fiel weißer Schein, die Toten schwiegen in Scham und Trauer. Da standen Jünglinge bei Knaben und junge Männer neben reifen. Und sie gaben an, wie alt sie seien und wo geboren: überall im deutschen Land, und was? für Berufe: Lehrer und Rechtsanwälte, Rabbiner und Aerzte, Reisende, viele Studenten aller Fakultäten, Schüler, Maler, junge Dichter, Kaufleute, Handwerker und Kaufleute wiederum und: immer wieder Kaiufleute. Und wo gefallen, wo lagen sie im Grabe? Bei Lille, sagten sie; und Pozieres, die ganze Somme entlang, Thiaumont hieß es und Azanes^ Fleury und Vaux, Champagne, Argonnen, Vogesen, ganz Flandern, di§ lagen am längsten im feuchten Grund; Bzura klangs, Ostpreußen, Karpathen, die Slota Lipa, der San ward genannt, Kowno utnd Dünaburg, Wolhynischer Sumpf, ungarischer Wald, serbischer Berg, galizisches Tal: und Azrael nickte, der Engel, bei jedem, er hatte sie ausgesät wie Samenkörner, weit geworfen, hierhin, dorthin. Alles war verzeichnet im Buche, die Feder bewegte sich, kleine rote Buchstaben standen auf dent bleichen Blatte. Manchen aber leuchtete ein helles Kreuz über der Stirn; die waren getauft; der Schreiber fragte jeden: Jude? Und er nickte, er sagte: „Sie wissen doch'*; er sagte: „Mosaischer Konfession" „Israelit" sagte er, „Deutscher jüdischen Glaubens", — „Jude, ja" sprach mancher und streckte sich, und die Kreuze verblichen jedem. Und wie die frischesten am Tische standen, fast noch blutend, aus Rumänien hergeweht, der Dobrudscha, der Somme. Der Mond verlor den Schein, Wind wehte heftiger ins Dunkel, Azrael hob die Hand, das Feld lag leer, Überbuscht von zerstiebendem} Scheine. Nacht brach herein, ganz schwarz, am Rande zerloht von der Esse Vefdun brüllend hinter den Höhen. r Aber es war den toten Juden kein Halt mehr auf dem Grund ihrer Gräber. Sie sanken, langsam glitten und seelenlos tiefer die Körper abwärts, tiefer hinab. Ein Strom, schwarz und lautlos floß in den Adern der Erde, er nahm sie auf und wälzte sie ostwärts; runde Walze wurde jeder, schrumpfte, ward groß wie ein Ziegel und ganz weich. Und er warf sie aus im frühen Morgen, mündend unter Palmen ans Licht einer jubelnden Sonne, die stieg aus dem Meer. Ein großer Mann aber mit schwarzem, breiten Bart und der Schürze des Werkmannes, die Kelle rechts neben sich liegend, und links das nackte Schwert, ergriff eine*1 jeden und preßte ihn, er ward in der Sonne hart zumf Stein und gefügt in ein niederes Mauerwerk, und Walze neben Walze warf, der Strom ihm zu Füßen, Stein neben Stein setzte der Mauernde, er sah nicht auf.. Ein Greis trat zu ihm und grüßte ihn, junges Lächeln lag wie Morgenrot auf altem Fels über verwitterter Stirn und dem greisen Barte. „Geh grüßt sei, der am' Turme mauert", sagte er, und: „Gedankt dem, der die Tochter Zions erblickt hat", antwortete der Baumeister und setztje einen Stein. „Die Tochter Zions ist auf dem Wege", sprach Akiba,.undl