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Der jüdische Student · 1917-01-01 · Sommer-Semester (1917) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
13 (1916-1917)
Issue
Sommer-Semester (1917)
Date
1917-01-01
Page
[Seite] (sequence 31)
Language
German
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Der Jüdische Student 29 Die Organisierung des jüdischen Volkes Von Dr. Fritz Low enstein (V. J. St. Hasmonaea und Ivria A. H.), Berlin Es wäre eine Aufgabe, einmal eine vergleichende Geschichte der großen Bewegungen der Menschheit zu schreiben. Man müßte auseinandersetzen, wie zunächst bei diesem oder jenem erleuchteten Kopf ein Gedanke auftaucht, unklar und phantastisch, von der Menge verhöhnt oder als nicht vorhanden betrachtet, wie er aber unterirdisch sich langsam ausbreitet, Anhänger gewinnt und an Einfluß wächst, bis die Zeit reif ist für ihn und er seinen Siegeslauf antritt. So war es mit der Idee der Gleichheit aller Menschen, über die man zunächst die Achseln zuckte, die man zu den Zeiten Rousseaus schon ernster nahm, bis sie dann in der französischen Revolution ihren mächtigen elementaren Ausdruck fand. Wer in dieser Weise das Werden geistiger Bewegungen verfolgt, wird finden, daß der entscheidende Augenblick dann gekommen ist, wenn aus Theorien, Prinzipien und Forderungen ein Neues entsteht, ein Programm, das in der realen Welt mit realen Mitteln zu verwirklichen ist, und wenn ein zweites sich hinzugesellt: wenn die Schar derer, die die Richtigkeit des Gedankens erkannt haben, aus einer regellosen Menge sich zusammenschließt zur Organisation, der zweckvollen Zusammenfassung von Menschen einer Gesinnung zur Erreichung eines Zieles. Programm und Organisation: sie zeigen, ob ein Gedanke ernst zu nehmen ist, ob er mit allen Kräften strebt, aus dem Reich der Ideen in die Wirklichkeit hinüberzugehen und dort sein Ziel zu erreichen. Man wird finden, daß die jung-jüdische Bewegung, die jüdische Renaissance, ein ausgesprochenes Beispiel dieser Entwicklung bietet. In der Mitte des vorigen Jahrhunderts schien die Auflösung des Judentums unvermeidlich geworden zu sein. Achtzehn Jahrhunderte lang war es der jüdischen Gemeinschaft möglich gewesen, ohne Land und ohne Staat zu existieren, weil das reiche Zerömonialgesetz der jüdischen Religion, weil der strenge kulturelle und nach Möglichkeit auch wirtschaftliche Abschluß gegen die Wirtsvölker den Staat fast ersetzte. Der Rationalismus, die Aufklärung hatten an diesem Gebäude gerüttelt und die Emanzipation, die völlige Anerkennung der Gleichberechtigung, hatte das zunehmende Aufgeben der nationalen Eigenart zur Folge. Die eigene Sprache und die eigene Tracht fielen, das Zeremonialgesetz galt als überflüssig, das Aufgehen im Wirtschafts¬ und Kulturleben der Umwelt machte gewaltige Fortschritte. Die große Berliner Taufbewegung in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zeigte mit schrecklicher Deutlichkeit, wohin der Weg ging. Wenige Jahrzehnte später trat der erste Mann auf,

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