Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 13 (1916-1917)
- Issue
- Sommer-Semester (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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28 Der Jüdische Student sehen leben. Sie nehmen ihn ernst, prüfen sich oft und tief. Aber diese Prüfungen bestärken sie nur in ihrem Hochmut. Seien wir ehrlich und gestehen wir zu, daß jeder von uns im Stillen ein Urteil über sich selbst fällt, das, in Worte gefaßt, etwa lauten würde: „Ich kann mir nicht helfen, aber bei aller Bescheidenheit muß ich mir sagen, daß idhi doch nur einer der anständigsten Menschen der Welt bin." Gut so! Du hast ja vollkommen Recht, lieber Mensch! — Nicht deine Prüfung ist unehrlich, wie du in übertriebener Sorgfalt oftmals beargwöhnst, sondern . . . dein Maßstab ist falsch, deine ganze Forderung zu niedrig gegriffen. Dein ethisches Postulat muß lauten: „Sei so ethisch, daß du in echter Gemeinschaft mit andern Menschen leben kannst". — Versuche es und du wirst den weltweiten Abstand ermessen, der zwischen den beiden Imperativen liegt, nach denen der einsame Mensch und der Mensch einer Gemeinschaft lebt. Manche finden, daß sie nicht die Gabe hiaben, mit vielen Menschen zu leben, wohl aber mit einigen vertrauten Freunden. — Freundschaft ist nicht Gemeinschaft. Freundschaft, dieses höchste, vielleicht einzige wahre Glück der Menschen (denn auch in jeder Liebe ist Freundschaft der beste Teil), bindet zwei Herzen und Köpfe so fest aneinander, daß es neben diesem Einssein gar kein Problem der gegenseitigen Beziehung mehr gibt, i— Man kann ein guter Freund und dabei der gefühlloseste, hartherzigste, gleichgültigste Mensch1 geg?n dritte Personen sein. Auch Tyrannen haben feste Freundschaft gehegt. Freunden bringt man kein Opfer, denn der Freund — das bin ich selbst Sein Leben ist mein Leben, sein Schaffen mein Schaffen, sein Interesse mein Interesse. Jedenfalls gehört keine besondere Herzensgüte dazu, sich mit einem Freunde zu vertragen. Zwischen dem Nullpunkt der Einsamkeit und dem Unendlichkeitspunkt der Freundschaft liegt die liebevolle, alle Fehler verzeihende und alle Vorzüge fördernde, ehrliche, doch niemals verletzende, den Nebenmenschen als mir fremden Komplex und doch als zutiefst mir verbundene Wesenheit erfassende Gemeinschaft, wie wir sie als Kern für unseren Zionismus ersehnen. — Es nützt euch nichts, meine Damen und Herren, daß ihr angesichts der sinkenden Sonne von eurer eigenen Seelenreinheit und Weltliebe überzeugt seid, daß euch Wald und Bach zu tiefgefühlten Tränen rühren und euch in der Einsamkeit eine bessere Welt der Eintracht vorgaukeln. Herein in unsre Versammlungen, in unsre Vereine und Zirkel1! Passen die euch nicht, gründet neue nach eurem Geschmack! Nur wirket unter Menschen; denn das allein ist der Platz, wo ihr eure Reinheit, Liebe und Sehnsucht bewähren könnt. Was ihr in euren sentimentalen Verstecken treibt, bleibt doch nur eine feige Ausrede.