Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 13 (1916-1917)
- Issue
- Sommer-Semester (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jüdische Student 27 „Rechthaberei" wie unter dicker Gelatine. Dann wundert er sich, wenn er mit seinem Nächsten „keine Berührungsfläche finden kann". Es genügt eben für die Bedürfnisse der Gemeinschaft nicht, daß man „Recht hat". — Nach einem Ausspruch des Talmuds wurde Jerusalem deshalb zerstört, weil man dort „nach Recht" verfuhr, statt Liebe und Billigkeit gelten zu lassen. (Nebenbei bemerkt: schon dieser eine Satz unserer Weisen ge- # nügt, um die trotz ihrer Albernheit immer wiederholte Legende zu zerstören, daß das Judentum gegenüber der „Liebe" des Christentums den Standpunkt einer minderen „Gerechtigkeit" vertrete.)...... * So lange der Mensch einsam ist, empfindet er sich als. rührend tugendhaft. Der „Genuß der Einsamkeit" dürfte meistens mit „Selbstgerechtigkeit" zu übersetzen sein. — Wie viel man ethisch taaigt, zeigt man erst,, wenn man in Gemeinschaft mit anderen zu arbeiten beginnt. Wunderbar scharf hat Flaubert im Helden seiner Education sentimentale" den Zustand des einsamen Durchschnittsmenschen beschrieben. Dieser Herr Frederic ist nämlich durchaus kein bedeutender Mann und gerade auf seinem Dilettantismus, seiner Gewöhnlichkeit beruht der eigentümlich! melancholische Zauber dieses Meisterwerkes. Gleich zu Beginn des» ersten Kapitels träumt Frederic folgendermaßen: „Er dachte an das Zimmer, das er zu Hause bewohnen würde, an den Entwurf eines Dramas u. s. f. . . . Er fand, daß ein durch die Vortrefflichkeit seines Herzens wohlverdientes Glück allzu lange auf sich warten ließ". Dieser egozentrischen Selbstgefälligkeit steht während der ganzen vieljährigen Romanhandlung, die den Helden in die verschiedensartigsten Beziehungen zu seinem Nebenmenschen bringt, nicht die geringste Leistung gegenüber. — Und daß der Dichter dieses Mißverhältnis nirgends ausspricht, überall aber fühlen läßt, gibt dem Roman jene traurige Gloriole allermenschlichster Ironie, die wir weinend bewundern. Mit derselben zarten Ironie schildert Franz Kafka die Diskrepanz zwischen Selbstgefühl und Tat des einsamen Menschen in seiner „Betrachtung": „Meine Verdienste erscheinen mir und überwältigen mich, wenn ich mich auch nicht sträube". O diese eingebildeten Verdienste! Wie 'lau zerschmelzen sie in der Sonne der geringsten Gemeinschaftsarbeit. Jeder Verein ist ein gigantischer Vergrößerungsspiegel menschlicher Schwächen, die dem einsamen Menschen entgehen. „Sei so ethisch, daß du bei einsamem Nachdenken über dich selbst keine Mängel an dir finden kannst." So ungefähi lautet der kategorische Imperativ, nach dem die meisten Men-