Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 13 (1916-1917)
- Issue
- Sommer-Semester (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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26 Der Jüdische Student kommt, in dem nicht nur ich, sondern diese Leute selbst untej immer neuen Gemeinheiten und Gefühlsroheiten zu leiden haben? Man erklärt es im allgemeinen damit, daß die von den Menschen vorgeschützte Moral nur „Heuchelei" ist, daß solche Leute anders reden als sie handeln, und daß deshalb die menschliche Gemeinschaft einen so traurigen Anblick bietet. Das ist jedoch, so weit meine Erfahrung reicht, eine bloße Konstruktion, die mit der Wahrheit nichts zu tun hat. Die meisten Menschen (selbst solche, die man gewöhnlich1 als schlechte Menschen bezeichnet) nehmen die Rechtfertigungsgründe ihrer Handlungen sehr ernst und handeln genau so, wie sie es nach reiflicher Ueberlegung für gerechtfertigt halten. Einen eigentlich mit Bewußtsein „bösen" Menschen habe ich bisher nich* kennen gelernt! Daraus schließe ich nun folgendes: Alle Menschen haben Recht. Alle Menschen handeln auf einem gewissen Niveau, dem man Moral nicht absprechen kann. Da nun aber trotzdem ein Gemeinschaftsleben nicht zustandekommt, so folgt daraus nichts anderes als: daß das Gemeinschaftsleben ein noch höheres Niveau von Moral als das heute übliche erfordert. Der Mensch begeht nur kleine Fehler. Aber in der Gemeinschaft vergrößert sich und vergröbert sich ein solcher Fehler (der vielleicht nicht aus Hartherzigkeit, sondern nur aus Vergeßlichkeit, mangelndem Feingefühl hervorgegangen ist) ins Un* geheuerliche. — Die Gemeinschaft ist also von der Vorsehung als Erzieherin der Menschen zu ethischer Zartsinnigkeit eingesetzt. Man kann das in jedem Verein, und namentlich in unseren zionistischen Vereinen, wo so viele „hervorragende Individualitäten" aufeinander stoßen, beobachten. — Schlechterdings ist jede einzelne solche Individualität, wenn man sie aus der Gemeinschaft heraushebt und nur für sich betrachtet, ein ganz vorzüglicher Mensch mit den besten Eigenschaften. Ein kleiner Schatten ist da: z. B. Spottlust oder Ungeduld oder zu viel Selbstbewußtsein. An sich dient auch dieser Schatten zui reizvollen Abschließung der Persönlichkeit. — Es ist geradezu erschütternd, wie dieser kleine Schatten oder Schönheitsfehler genügt, um auch unter den wohlmeinendsten Menschen jede Gemeinschaft in ihr Gegenteil, in Streit und Unlust zu verwandeln. — Hier steht der Beobachter gebannt, als habe ei eine der Wurzeln menschlicher Tragik geschaut. Es liegt nahe, diese Bemerkung auf das Leben der Staaten und Nationen zu übertragen. Alle „haben Recht". . . — Daher der Weltkrieg Was folgt daraus? Die Menschen sind eben deshalb „einsam", weil sie „Recht haben". Diese beiden Komplexe stehen in ursächlichem Zusammenhang. Jeder Mensch liegt unter einer Schicht von