Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 13 (1916-1917)
- Issue
- Sommer-Semester (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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25 Zum Problem der Gemeinschaft ") Von Max Brod „Schließe dich nicht aus der Gemeinschaft aus". Sprüche der Väter Gehen wir von der Betrachtung des „einsamen" Menschen aus! Vielleicht wird uns das Wesen der „Gemeinschaft" durch den Gegensatz klar. Die meisten Menschen fühlen sich in gewissen Lebenslagen (gerade in den kritischen, schwierigen) einsam, viele sogar ihr ganzes Leben lang. Beständig hört man sie darüber Idagen, daß ihnen niemand helfen kann oder helfen will, daß niemand sie versteht, daß sie sich an niemanden „anschließen" können. Mit Mühe und Getöse jagen sie die Bahn ihres Daseins dahin, nirgends winkt ihnen ein Moment der edelsten Freude, die nur aus der innigen Beziehung zu einem Nebenmenschen entspringt Eine andere Beobachtung, die zunächst gar nicht damit zusammenzuhängen scheint, was ich eben geschrieben habe: Die meisten Menschen „haben immer das Recht auf ihre* Seite." Wann und wo imitier man mit ihnen zu tun bekommt: sie sind unbestreitbar im Recht. — Diese einfache Tatsache gehört für mein Gefühl zu dem Ällermerkwürdigsten, was sich in meiner Lebenserfahrung aufgespeichert hat. Auch solche Menschen nämlich, die man als durchaus egoistische, kleinliche, gehässige Charaktere kennt, „haben Recht", wenn man sie ihre ganze Situation, ihre Ansichten und Stimmungen entwickeln läßt. Hört man ihnen zu, so staunt man über die lückenlose Geschlossenheit ihres Weltbildes, über die Art und Weise, wie sie, ohne zu lügen, alle Fakta so gruppieren, daß sie (diese notorischen Egoisten) immer wieder als die gutherzigen Kerle dastehen, denen das bitterste Unrecht geschieht. Und das Seltsamste dabei ist eben, daß sie nicht lügen und nicht fälschen,, sondern daß wahrhaftig das meiste von dem, was diese Menschen tun, wenn man es von einem gleichsam inneren Standpunkt aus betrachtet, geradezu moralisch und anständig erscheint. Wie kommt es — fragte ich mich oft nach solchen Erlebnissen —, daß unter eben diesen anständigen und, nach ihren Maximen zu schließen, höchst gewissenhaften, ihrer Verantwortung bewußten Menschen ein so miserables Leben zustande- *) Aus der vom Verlag der „Selbstwehr" herausgegebenen (sehr empfehlenswerten Sammelschrift „Das jüdische Prag". — Brods Gedanken zum Problem der Gemeinschaft charakterisieren nicht nur sehr treffend die Schwäche jenes Typus des deutschen Juden, der glaubt, an seiner Persönlichkeit Schaden zu nehmen, wenn er sich in eine Organisation wie etwa das K. J. V. eingliedern würde. Sie geben darüber hinaus uns K. J. V.-ern wertvolle Aufschlüsse über die Grundlagen dessen, was wir in dem Begriffe der Bundesbrüderlichkeit zusammenfassen.